Berlin - Nirgends ist die eherne Pflicht belegt, ein deutsches, von deutschen Steuern erhaltenes Stadttheater habe sich mit der deutschen Nibelungensage zu befassen, der deutschen Geschichte also unter den Rock zu fassen, um endlich den historischen Deutschmief zu vertreiben. Es gibt zwar durchaus gute Gründe dafür. Es gibt auch Gründe, den Nibelungenstoff in der vor gut 150 Jahren im deutschen Weimar uraufgeführten Fassung einem großstädtischen Publikum im 21. Jahrhundert zu präsentieren – die Vergangenheit ist ja nicht vergangen, die Geschichte hört nicht auf, die deutsche bekanntermaßen besonders nicht.

Dennoch unterliegt keine deutsche Bühne einer Nibelungenspielpflicht. Man kann, zum Beispiel, die deutsche Geschichte samt ihrem Mief auch zum Thema machen, indem man von den Nibelungen gerade absieht, indem man sich auf die vielen schiefen und vor allem schlimmen Nibelungenanverwandlungen nicht einlässt. Indem man andere Geschichten dagegenhält, statt der Mär von den Nibelungen ihre Schief- und Schlimmheit zu beweisen.

Das glaubt man am Gorki Theater nicht. Man glaubt hier einem sonderbaren Ruf Gefolgschaft leisten und also der Nibelungengeschichte Maulschellen verpassen zu müssen. Wie im vergangenen Jahr, als man sich an diesem Haus veranlasst sah, Volker Brauns berühmtes Stück „Die Übergangsgesellschaft“ nur deshalb zu inszenieren, um die deutsch-deutsche Geschichte als dankbares Maulschellenobjekt herzunehmen, setzt man jetzt Friedrich Hebbels „Der Untergang der Nibelungen“ auf den Spielplan.

Spuren eines Auffahrunfalls

Das ist auch diesmal keine gute Inszenierungsgrundlage. Es ist sogar eine furchtbar schlechte. Nicht, weil die von Sebastian Nübling zu verantwortende Regie wenig bis sehr wenig mit Hebbel zu schaffen hat; das macht nichts: Hebbel ist nicht heilig. Sondern weil die gesamte Inszenierung nur diese eine Spielmotivation hat: uns Zuschauern die deutsche Geschichte um die Ohren zu hauen. Wen wundert’s, dass dieser Zweieinhalbstünder damit ein Verhältnis zur Geschichte hat wie der Metzger zur Leberwurst? In eine austauschbare Hülle wird Matsch gestopft.

Auf der Bühne steht ein schwarzer Mercedes, mit deutlichen Spuren eines frontalen Auffahrunfalls. Das ist das Leitsymbol dieser Veranstaltung: Frontalfiguren, Frontalkonflikte, Frontalangriffe. Alles ist auf größtmögliche Schroffheit gebürstet. Auch das müsste kein Problem sein. Aber diese dem Geist des Frontalunterrichts entsprungene Inszenierung greift immerfort ins Leere, weil weder Figuren noch Konflikte, sondern grobschlächtigste Wirklichkeitsabklatsche auftreten. Nichts wird erzählt, gezeigt, verdeutlicht, alles hingeschmissen.

Siegfried, der deutsche Held: ein Testosteronbolzen mit golden glitzernden Turnschuhen und Dollarzeichen auf den Hosen. Hagen, der Siegfriedmörder: ein Testosteronbolzen mit schwarz glänzender Kampfjacke. Gunter, der Burgunderkönig: ein Testosteronbolzen mit Dauerwut- und Racheblick. Die gesamte Burgunderboygroup: eine Gangstergang, die sich ihre street credibility durch dumpfdoofes Machtgehabe zu erkaufen sucht. Die ständig im, auf und am Auto zu schaffen hat. Männer, die laufen, als stünden sie unter Hormondoping. Und Kriemhild, die Schwester der harten Jungs: das supersexy Hormongirl. Einmal steht sie auf dem Autodach, führt einen Schulterzucktanz vor und singsangt von „Armani, Gucci, Muschi“.

Verunglückte Inszenierung

Noch Fragen? Das vielleicht noch: Der Mord an Siegfried erfolgt mit einem Autoschraubschlüssel, während einer Sado-Sex-Sauf-Party. Und dies: zwei Mal treten Kinder auf, tragen einige mittelhochdeutsche Verse aus den Handschriften B und C der Nibelungensage vor. Sie werden von Hagen erwürgt. Hagen wird übrigens, anders als in der Überlieferung, am Ende an Kriemhilds neuem Hofe beim Hunnenkönig Etzel nicht umgebracht. Der deutsche Hagen, das deutsche Dumpftum überlebt. Der Schrecken hört nicht auf. Weitere Fragen? Nicht vorgesehen.

Auch deshalb ist die verunglückte Inszenierung von Sebastian Nübling derart langweilig und geistlähmend: Sie kennt nur eine Geste, eine Pose und Botschaft. Sie will mit Gewalt einen Mythos entmiefen, ohne sich einen Begriff davon zu machen, warum und wozu. Was hätte das für eine hervorragend provokante Veranstaltung werden können, welch politische Kraft wurde hier ans bloße Maulschellenausteilertum verscherbelt. Ein postmigrantisch geprägtes Ensemble soll dem urdeutschen Nibelungenstoff die Blauäugigkeit austreiben – und alles wird auf Äußerlichkeiten reduziert, alle werden zu Objekten von Billigzuschreibungen. Ausgerechnet am stolz postmigrantischen Gorki Theater, ausgerechnet mit diesem Stück.

Es gibt mehrere hervorragende, einige gute, viele nachdenkenswerte Inszenierungen an diesem Haus, die sich den heiklen und dringenden Fragen einer sich wandelnden Gesellschaft stellen. Diese wirkt wie ein Blackout. Möge ihr rasches Vergessen beschieden sein.

Der Untergang der Nibelungen. Regie:

Sebastian Nübling. Wieder 30., 31.10., Gorki Theater, Karten-Tel.: 20221-115