Erich Marx (1921 – 2020)
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinIm nächsten Frühling, am 25. April, wäre der Kunstsammler, Unternehmer und Mäzen Erich Marx 100 Jahre alt geworden. Trotz des hohen Lebensalters ist die Nachricht von seinem Tod eine Überraschung, focht er doch bis zuletzt eisern für sein Lebensprojekt: die Sammlung Marx, diesen phänomenalen Bestand der Nachkriegsmoderne, der seit 1996 im Hamburger Bahnhof ausgestellt ist.

Geboren am 21. April 1921 in Brombach bei Lörrach, stand er paradigmatisch für den sozialen Aufstieg in der alten Bundesrepublik: Der Sohn eines Lagerarbeiters studierte nach dem Krieg Jura in Freiburg und Basel und wurde zunächst Justiziar des Burda-Konzerns. 1967 gründete er ein eigenes Unternehmen, eine Bauträgergesellschaft, dieses durch Steuersubventionen und Verwaltungsnähe entstandene, sehr bundesrepublikanische Modell der Planungs- und Bauorganisation. Zunächst vor allem im Sozialen Wohnungsbau und im Hotelbau tätig, wechselte er in den Gesundheitsmarkt und baute dort 37 Kliniken mit mindestens je 200 Betten.

Berühmt aber wurde er als Kunstmäzen. Es sei eine Zeichnung des Worpsweder Künstlers Friedrich Meckseper gewesen, die ihn zum Sammler werden ließ. Dabei blieb er seiner Generation verhaftet, den Künstlern, die in den 50er- bis 70er-Jahren aufbrachen zu einer konzeptuell orientierten, oft ironischen Moderne, die sich auch politisch verstand. Es ist auffällig, wie viele strikt antikapitalistische Werke dieser selbstbewusste Kapitalist besaß. Als seine Sammlung zu groß wurde, bot er sie dem Berliner Senat als Dauerleihgabe an – der daraufhin 1987 beschloss, den 1906 errichteten „Hamburger Bahnhof“ vom Technik- zum Kunstmuseum umzubauen. Eines der vielen Sammler-Museen der Bundesrepublik, aber sicherlich das spannendste.

Es blieb nicht das letzte Mal, dass Marx Druck auf die Politik ausübte. Als die Deutsche Bahn 1998 ein Hotel im Ostflügel des Hamburger Bahnhofs einrichten wollte, drohte er mit dem Abzug seiner Bestände. Nur mühsam konnte er 2007 davon abgehalten werden, nachdem sein Chefkurator Heiner Bastian im Krach mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegangen war. Erst vor sechs Jahren setzte er mit den Sammlerkollegen Pietzsch und Marzona bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters durch, dass diese den mit Kosten von 200 Millionen anberaumten Neubau eines Museums der Moderne auf den Weg brachte. Als Grütters dann 2019 die Befürchtung äußerte, die Kunstsammler würden ihre Bestände zurückziehen, wenn der nun deutlich teurer taxierte Bau nicht endlich in Angriff genommen werde, setzte Marx sich ausdrücklich zur Wehr: Man solle nichts überstürzen. Geldverschwendung war ihm ein Gräuel.

Seine erstklassigen Werke von Andy Warhol – das riesige Mao-Portrait wurde zur Ikone des Museums –, Joseph Beuys, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein oder Anselm Kiefer und Cy Twombly sind längst Aushängeschilder der Berliner Museumslandschaft. Doch wollte Marx sie auch als autonomen Teil der Sammlungen der Berliner Nationalgalerie erhalten. So kaufte er zwar vor fünf Jahren das epochale Werk „Das Kapital“ von Jopseph Beuys und gab es an die Nationalgalerie. Aber eben nur als Dauerleihgabe. Nur so behält man in Museen die Kontrolle, sagte er ganz offen. Kontrolle über das von ihm Geschaffene war ihm wichtig. Berlin verliert einen seiner ambitioniertesten Kunstfreunde.