Eben stand er doch noch auf der Bühne, das obligate Seidentuch eng um den Hals geschlungen, das beige Hemd zugeknöpft bis zum Hals. Aber das war es dann auch schon an Geschlossenheit. Der Rest war entwaffnende Offenheit. Da sang, sprach, lachte jemand, der das Leben in all seiner Schönheit und Abgründigkeit liebt und bejaht. Und außer der nicht mehr ganz so beweglichen Stimme erinnerte nichts daran, dass Frankreichs großer Chansonnier bald 94. Geburtstag feiern sollte und auf eine sieben Jahrzehnte währende Karriere als Sänger, Texter, Komponist und Schauspieler zurückblickte.

Aufbruchsstimmung verbreitete Aznavour. Fast zwei Stunden schlug er sein Publikum in Bann, gönnte sich keine Pause, gab sich ganz, reihte fast 30 Chansons aneinander. „Mein Leben liegt vor mir“, versicherte er. Und da war niemand, der daran hätte zweifeln wollen. Denn Aznavour ist unverzichtbar. Was Gérard Depardieu für den Film ist und der Eiffelturm für Paris, das ist Aznavour fürs französische Chanson. „Le grand Charles“, nennen die Franzosen ihn ehrfurchtsvoll.

Nie am Ziel

Nun gut, die Pariser Konzerte, von denen hier die Rede ist, liegen bereits fast ein Jahr zurück. Aber die Auftritte haben sich eben derart ins Gedächtnis eingegraben, als habe er gestern vorbeigeschaut. In die Accor Hotels Arena hatte er gebeten. Und einer Sportarena bedurfte es auch, um den herbeidrängenden Massen Platz zu bieten. „Ich kann mir alles herausnehmen, ich habe es zur heiligen Kuh gebracht“, stellte der Star zufrieden fest. Ein die Worte begleitendes selbstironisches Lächeln machte deutlich, dass er selbst sich für alles andere als heilig hält, von Selbstzufriedenheit weit entfernt ist.

Wenn er im hohen Alter noch Pläne schmiedete, Neuland anvisierte, dann ja auch deshalb, weil er sich nie wirklich angekommen, nie am Ziel sah. Bis ins hohe Alter verstand er sich als Sohn armenischer Einwanderer, blieben Krieg, Politik, Immigration seine Themen. Abgearbeitet hat er sie nicht. Mit „Emigration“, Auswanderung, eröffnete der Künstler seinen Pariser Chanson-Reigen, reckte die geballte Faust empor. Der Völkermord in Armenien, er empörte, er schmerzte ihn zeitlebens.

Zwiespältige Kritiken

Fest steht, dass Aznavour eine gewaltige Wegstrecke zurückgelegt hat. Seine Eltern waren nach Frankreich gekommen, ohne ein Wort Französisch zu sprechen. Sie schlossen sich dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer an, nahmen Juden bei sich auf. Charles hörte damals auf den Namen Shahnourh.

Als Schauspieler sah er sich, heuerte 1941 an einem Pariser Theater an. Die Kritiken fielen zwiespältig aus. Ausgerechnet die Stimme, die ihm zu Weltruhm verhelfen sollte, galt als Schwachpunkt des Künstlers. Sie sei kratzig, verkommen, bekam er zu hören. Aznavour deutete die Kritik als Fremdenfeindlichkeit und zog aus, um „die Liebe der Menschen zu gewinnen“, wie er sagte. Der Zorn über die Zurückweisung, die er erfahren hatte, war ihm Ansporn. Und in den Fünfzigern war es soweit. Aznavours Stimme fand Gnade an höchster Stelle. Edith Piaf, mit der er damals auf Tournee ging, sprach ihn an. „Ich mag, wie Sie singen“, sagte die große Dame des französischen Chansons. „Sie beißen in die Worte, genauso wie ich.“

200 Millionen verkaufte Platten

Und heute? Mehr als 1300 Chansons hat Aznavour komponiert, weltweit über 200 Millionen Platten verkauft. In mehr als 60 Filmen stand er vor der Kamera. Große Regisseure wie Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) oder Francois Truffaut („Schießen Sie auf den Pianisten“) arbeiteten mit ihm. CNN und Time Magazine kürten den unermüdlich Schaffenden zum bedeutendsten Varieté-Künstler des 20. Jahrhunderts. Frank Sinatra und Bob Dylan mussten mit den Plätzen vorlieb nehmen. Und natürlich finden sich im Werk des Chansonniers längst jede Menge Klassiker.

Wenn er „Mes amis, mes amours, mes emmerdes“ anstimmte oder „La Bohème“, flogen ihm nicht nur die Herzen zu. Dann stürmten die Fans die Bühne oder versuchten dies zumindest.

Ungestillter Lebenshunger

Diese Lieder schlagen in Bann, weil sie von Aznavours Leben künden, weil sie durch und durch authentisch sind. In „La Bohème“ etwa schildert er Entbehrungen der Kindheit: „Wir essen nur jeden zweiten Tag“. Aus „Sa Jeunesse“ wiederum spricht Aznavours Lebenshunger. „Man muss seine Jugend austrinken bis zum Rausch, all die Augenblicke unserer 20 Jahre sind gezählt“.

Er hat den Kelch ausgetrunken. Sein Lebenshunger ist nie versiegt. Bis Montag, als das Undenkbare, Unmögliche geschah und der Mann, der eben noch fast zwei Stunden singend, erzählend und lachend auf der Bühne stand, in seinem südfranzösischen gestorben ist.