Wer im Osten aufgewachsen ist, las „Bootsmann auf der Scholle“ und „Die Reise nach Sundevit“ von Benno Pludra in der Schule. Das war nicht diese Sorte Pflichtlektüre, die man widerwillig hinter sich bringt. Denn wenn auch darin mal von Pionieren und Wimpeln die Rede ist, ging es nicht um sozialistische Helden. Der Autor nähte solche Wörter an unauffälliger Stelle als Etikett in seine Geschichten ein.

Benno Pludra schrieb von Kindern und ihren Nöten, Wünschen und Träumen, so dass man auch diese beiden Bücher heute noch lesen kann. Wie die Familie des Schriftstellers mitteilte, ist Pludra in der Nacht zum Mittwoch in Potsdam gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

Jener Bootsmann „ist ein junger Hund, schwarz, weich und wollig“, der auf einer Eisscholle im Meer zurückbleibt. Ein Kind war gerade noch gerettet worden. Das Eis treibt weg. Das Ringen um die Rettung des Hundes lässt einen das Atmen vergessen beim Lesen. Und nach Sundevit will ein Junge reisen, der am Strand auf eine Ferienlagertruppe trifft, auf Kinder, die älter sind als er, die mehr dürfen. Zu Hause ist dieser Timm viel zu oft allein. Wie er Freunde findet und wie er mit den Eltern verhandelt, mit dem Vater anders als mit der Mutter, wie sich noch ein Problem auftut und vielleicht dennoch die Reise möglich wird, das erzählt Pludra aufregend und mit offenem Ende.

Benno Pludra hat noch viel mehr Geschichten geschrieben, feinsinnigere, poetischere. Von „Lütt Matten und der weißen Muschel“ zum Beispiel, über einen Jungen am Meer, der sich nach dem großen Fang sehnt, wegen seiner dürftigen Reuse aber von den anderen verlacht wird. Im Traum erscheint ihm ein sprechender Pinguin. „Dieser kleine Junge hat Kummer“, schreibt Pludra. „Aber weil er so klein ist, glaubt ihm niemand seinen Kummer.“ Der Autor pflückte den Kinderkummer aus dem Kinderherz, so dass vorlesende Eltern bis heute Gänsehaut bekommen können.

Als die DDR zwei Jahre alt war, beteiligte sich Benno Pludra an einem Preisausschreiben zur Förderung der sozialistischen Kinderliteratur des Volksbildungsministeriums. Aus seinem Beitrag „Ein Mädchen, fünf Jungen und sechs Traktoren“ wurde sein erstes Buch. Der „Bootsmann“ folgte acht Jahre später. Er schrieb für Bilderbuchkinder über „Heiner und seine Hähnchen“ oder „Vom Bären, der nicht schlafen konnte“.

Er schrieb oft über Tiere, ließ die Natur, vor allem das Meer lebendig sein. Und wiederholt erzählte er von Kindern, die zwischen den Erwachsenen verloren gingen, wie in „Insel der Schwäne“ (1980) oder „Jakob Heimatlos“ (1999). Seine Erzählung „Das Herz des Piraten“ um den Vatertraum eines Mädchens erschien 1985 in Ost und West gleichzeitig. Im wiedervereinten Land erhielt er 2004 den Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk.

Die Jury lobte ihn als „Anwalt seiner jungen Leser, der ihnen ohne pädagogisch aufgesetzten Gestus, allein mit der Kraft der Erfindung seiner Geschichten und der sprachlichen Meisterschaft den Wert von Idealen nahe zu bringen versteht“. Benno Pludra legte seinen Lesern Fäden hin, die sie mit eigenen Erfahrungen verknüpfen, in die sie eigene Sorgen einschnüren konnten. Die Bücher blieben wie Schutzengel im Regal.