Der Verleger und Erzähler Jörg Schröder (1938–2020)
Foto: Hannelore Förster/Imago

BerlinDer 1938 in Berlin-Niederschönhausen geborene Jörg Schröder war einer der großen Verleger der Bundesrepublik. Nein, er hatte keinen Konzern aufgebaut. Er war nicht einmal 20 Jahre lang Verleger. Aber er brachte Günter Amendts „Sexfront“ heraus, Rolf Dieter Brinkmanns und Ralf Rainer Rygullas Anthologie „Acid – Neue amerikanische Szene“, Robert Crumbs „Headcomix“, Edgar Snows „Roter Stern über China“, Siegfried Bernfelds „Antiautoritäre Erziehung“, Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ und Bernward Vespers „Die Reise“.

Und natürlich „Die Geschichte der O“. Sie kennen keinen dieser Titel? Da haben sie noch glücklich-verstörende Stunden vor sich. „Die Geschichte der O“ war in den 50er- und 60er-Jahren das, was vor einigen Jahren „50 Shades of Grey“ war: ein Skandal und ein Welterfolg. 1954 war die „Geschichte der O“ in Frankreich erschienen. Jörg Schröder war es, der das Buch 1967 noch als Angestellter des Melzer-Verlags auf Deutsch herausbrachte.

Revolution und Sex war die bundesrepublikanische Parole der späten 60er-Jahre. Es war auch das Rezept Jörg Schröders. Er fand nichts dabei, Texte von Che Guevara und Pornographie zu verlegen. Am liebsten aber war es ihm, wenn es ihm gelang, Bücher zu finden, in denen Sex und Revolution sich verbanden. In seinem taz-Blog Schröder & Kalender erklärte er 2011 „Sexfront“ zu seinem erfolgreichsten Titel. Nicht nur weil 400.000 verkaufte Exemplare ein ordentlicher Brocken sind, sondern, so sagte er: „Die Menschen fickten fröhlicher“ nach „Sexfront“. Schröders Bücher waren auch gestalterisch eine Revolution. Poppiger als die gelben Umschläge von März - den Verlag hatte er 1969 in Frankfurt am Main gegründet - ging nicht.

1987 hatte Schröder zwei Herzinfarkte und hörte auf mit dem Büchermachen. Jetzt erzählte er wieder. 1972 war „Siegfried“ erschienen. Seine Lebensgeschichte, eingeflochten in die Geschichte der Bundesrepublik. Ein witziges, großmäuliges und ergreifendes Buch. Das Werk erschien wieder zu Schröders 80. Geburtstag im Frankfurter Verlag Schöffling & Co. Kaufen und lesen Sie es, bitte, bitte.

Seit 1990 erschien „Schröder erzählt“, eine Schriftenreihe, in der er sich selbst und den Rest der Menschheit – nur für Abonnenten - auf die Schippe nahm.

Seit Juni 2006 haben Jörg Schröder und seine Frau Barbara Kalender, die beide inzwischen in Berlin wohnen, einen Blog in der taz, auf dem inzwischen 1400 Beiträge erschienen sind. Schröder ist der geborene Erzähler. Einer, der nicht schreibt. Jetzt habe ich das falsche Tempus verwandt. Jörg Schröder starb am 13. Juni. Er gehörte zu den wenigen freien Menschen. Zu denen also, die immer radikal, aber niemals konsequent sind.