„Elektrischer Telegraph für die Übertragung von Musiktönen“, nannte Elisha Gray seine Erfindung
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BerlinElisha Gray würde heute als der Erfinder des Telefons in den Geschichtsbüchern stehen – wenn Alexander Graham Bell nicht gewesen wäre. Denn der Schotte Bell ging mit derselben Idee nur eine runde Stunde vor dem Amerikaner Gray zum Patentamt. Einen Mann mit geringerem Selbstbewusstsein hätte das wahrscheinlich in seinen Grundfesten erschüttert, aber Gray forschte einfach weiter – und erfand den Musik-Synthesizer. Bis man auf große Erfindungen kommt, die das Leben der Menschen verändern, muss man lange nachdenken - oder wie Gray zufällig etwas entdecken.

Zu seiner Erfindung wurde der Lehrer und Unternehmer aus Barnesville im amerikanischen Bundesstaat Ohio durch seinen Neffen angeregt. Eines Tages spielte der Kleine mit einem vom Onkel entwickelten Tongenerator in dessen Badezimmer herum. Er drückte intuitiv den mit einer Batterie verbundenen Draht an seinen eigenen Körper, das andere Ende hielt er an eine Zinkbadewanne. In dem Moment gab die Wanne lustig summende Töne von sich. Der Junge lachte vergnügt, was den Onkel nebenan aufhorchen ließ. Gray sah, dass der Wechselstrom die Badewanne zum Schwingen brachte. Je fester man sie berührte, desto lauter erklang der Ton. Das machte den Tüftler neugierig, und er ersetzte die Wanne durch geerdetes, galvanisiertes Blech - schwupps hatte er einen Ein-Noten-Oszillator kreiert. Diesen erweiterte er um eine zweite Frequenz und begann, mit verschiedenen organischen Objekten wie Leder, tierischem Gewebe oder Austernmuscheln zu experimentieren.

Heraus kam der erste Synthesizer in der Geschichte der Musik: ein futuristischer Apparat mit 24 elektromagnetisch betätigten Metallzungen-Tongeneratoren in einem Holzgehäuse. Eine zwei Oktaven umfassende Klaviertastatur brachte sie zum Vor- und Zurückschnellen. Da dies sehr rasant ablief, wurde die Vibration der Zungen als Ton hörbar. An den „Musical Telegraph“ beziehungsweise „Washbasin Receiver“ war ein telefonartiger Lautsprecher mit einer dünnen, biegsamen Membran aus einem alten Waschbecken angeschlossen. Das Magnetfeld, in dem die Membran angebracht war, brachte sie zum Schwingen. Den Klang konnte man über die sogenannte Tone Wheel Control regeln. Mit der Zeit verbesserte Elisha Gray sein Instrument immer mehr, so dass er am 29. Dezember 1874 in der Presbyterian Church in Highland Park in Illinois das allererste Konzert für elektronische Musik veranstalten konnte.

Gray tourte mit dem „Musical Telegraph“ sogar durch England. Es gelang ihm, „bekannte Melodien durch Telegraphendraht“ über eine Strecke von rund 250 Kilometern zu übertragen. Musik übers Telefon zu hören – das war tatsächlich schon vor 155 Jahren möglich.

Am 27. Juli 1875 meldete Elisha Gray seine bahnbrechende Erfindung schließlich in den USA zum Patent an (US-Patent 166.095). Er nannte die futuristische Maschine „Elektrischer Telegraph für die Übertragung von Musiktönen“.

20 Jahre später entwickelte Thaddeus Cahill Grays Erfindung weiter. Die Vision des in Iowa geborenen Tüftlers: Musikübertragungen über das Telefonnetz für ein großes Publikum in Hotels, Theatern, Restaurants, Privathäusern, Parks und Piers, finanziert durch Gebühren. Auf dem Programm alles, was damals beim Publikum angesagt war: Tanzmusik, Ragtime, Klassik, geistliche Musik – und zwar rund um die Uhr wie heutige Streaming-Dienste.

1895 reichte er ein erstes Patent für einen neuartigen Apparat ein, den er Telharmonium oder auch Dynamophon nannte, und der elektrische Signale in Klang umwandeln konnte. Das Patent wurde abgelehnt, aber Cahill ließ sich davon nicht beirren und besserte nach. Das Telharmonium sollte alle herkömmlichen Instrumente an Qualität übertreffen, es sollte elektrisch sein, leicht zu bedienen und für alle erschwinglich. Als „Synthesizing“ bezeichnete er die revolutionäre Methodik. Den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, gelang Cahill jedoch nur zum Teil. Allein die Entwicklung des drei Meter hohen und vier Meter breiten Prototyps kostete sagenhafte 200.000 Dollar (heute ca. 5 Millionen Euro). Sie wurden Cahill von Investoren zur Verfügung gestellt. Die in Washington gebaute futuristische Maschine schien einem Science-Fiction-Roman von Jules Verne entsprungen und begeisterte auf Anhieb Prominente wie den Schriftsteller Mark Twain, weil sie wie ein ganzes Orchester klang. Kritiker schwärmten vom glockenklaren Ton der Blechbläser.

Spielbar wurde das bizarre Monstrum über einen Tisch, auf dem mehrere Klaviaturen montiert waren. Mindestens zwei Telharmonisten bedienten über eine Konsole Hunderte von Tasten, Schiebern, Schaltern und Knöpfen. Der 1897 patentierte, sieben Tonnen schwere Klotz gilt heute als das erste elektronische oder elektromechanische Musikinstrument der Welt. Er konnte jeden Klang fehlerfrei reproduzieren, heißt es. Das Problem war nur: Die Sache wurde immer größer.

Das Telharmonium bestand aus schweren dampfgetriebenen Zahnradgeneratoren in Metallschächten. Die Tonhöhe ergab sich aus der Anzahl der Zähne eines Rades in Kombination mit der Drehzahl – ein für Laien unübersichtliches System von geschickt zusammengemischten Schaltern und Transformatoren. Befeuert durch mehrere tausend Volt, sorgten die Tongeneratoren für enormen Schalldruck. Damit sollte die Leistung für die Lautsprecher – Hörmuscheln in Kombination mit Trichtern – am anderen Ende der Leitung erzeugt werden. Verstärker gab es damals noch nicht. Das funktionierte sogar über eine Strecke von einigen Kilometern in New York City, wo das Waldorf-Astoria und das Hotel Astor am Times Square zu den Telharmonium-Abonnenten zählten.

Meister des Maschinenklangs: Thaddeus Cahill mit seinem Telharmonium.
bpk/Musikinstrumenten-Museum/Staatliches Institut für Musikforschung/SPK

Der ehrgeizige Thaddeus Cahill rief die New York Electric Music Company ins Leben und konstruierte bis 1911 exakt drei solcher Musikmaschinen, die größte kostete 300.000 Dollar (heute ca. 7,5 Millionen Euro). Sie war 18 Meter lang, wog 200 Tonnen und stand auf massiven Stahlträgern. Diese enormen Ausmaße hielten den Exzentriker allerdings nicht davon ab, mit dem auf 30 Güterwaggons verteilten Telharmonium durch die USA zu touren. Er gab spektakuläre Konzerte auf der Weltausstellung von 1906 und täglich vier Vorstellungen in der „Telharmonic Hall“ am Broadway, wo der erfinderische Cahill nicht nur seine modernen Apparate, sondern auch Lampen, Pflanzen und Zuhörer verkabelte. Unterhalb der Dielen belegte der gigantische Synthesizer das gesamte Kellergewölbe.

Trotz ihres Volumens haben die vielseitigen Musikmaschinen die Zeitläufte nicht überlebt, weil sie das New Yorker Telefonnetz überlasteten und ihnen die deutlich leichtere Wurlitzer Orgel, das Grammophon und das Radio in die Quere kamen. Heute existieren nicht einmal mehr Tonaufnahmen vom Telharmonium. Cahill selbst starb mit 67 Jahren verarmt und vergessen in New York.