Claudia ist 22 Jahre alt, als sie adoptiert wird. Nicht mit einer Urkunde oder so, aber sie wird Teil einer Familie und das ist ihr Glück. Der Film „Der wundersame Katzenfisch“ zeigt nämlich zuerst die Einsamkeit Claudias (Ximena Ayala). In ihrer winzigen Wohnung isst sie auf dem Bett sitzend bunte Frühstücksflocken; die lila Ringe sortiert sie sorgsam aus. Die liegen dann auf einem Papier, Ameisen krabbeln darauf rum. So sieht Langeweile aus.

Kamerablick durch leere Gänge

An der Wand kleben Zeitschriftenbilder, Fotos, Sprüche, wie aus der Teenager-Zeit übriggeblieben. Claudia arbeitet in einem Supermarkt, das quälende Einerlei dort zeigt schon der Kamerablick durch die leeren Gänge. In der nächsten Einstellung windet sie sich in Schmerzen. Wie sie schließlich ins Krankenhaus gelangt, erfährt man nicht. Der Zuschauer sieht nur: Claudia ist allein.

Claudia Sainte-Luce lässt ihren Film, für den sie auch das Drehbuch schrieb, am Rand einer mexikanischen Großstadt spielen. Die städtische Form der Einsamkeit, um die es hier geht, kann man auch in Europa spüren. Den unruhigen, lebhaften Familienalltag, der im Kontrast dazu beschrieben wird, auch.

Die Regisseurin konzentriert sich in ihrem Debüt auf die Begegnung unterschiedlicher Lebensweisen und die Annäherung sehr verschiedener Frauen- und Mädchentypen. An ihrer Seite hat sie dafür eine Kamerafrau mit viel Erfahrung. Agnès Godard begann in den Achtzigerjahren als Assistentin für mehrere Wim-Wenders-Filme. Ihre späteren Arbeiten, geduldig erzählte Beziehungsdramen, wurden in Frankreich mehrfach ausgezeichnet.

Im Krankenhaus trifft Claudia auf Martha (Lisa Owen), die eigentlich in die Abteilung für Infektionskrankheiten gehört hätte, doch dort war kein Platz. Sie ist das Zentrum einer Familie mit vier Kindern. Deren drei Väter sind längst weg; der letzte ist an Aids gestorben und hinterließ Martha die Krankheit. In kurzen Studien werden die Kinder charakterisiert: Die älteste Tochter will lieber ausgehen, als immer das Ersatz-Familienoberhaupt spielen zu müssen. Die zweite wirkt sehr geschäftig, ihre Probleme stillt sie mit übermäßigem Essen, heimlich ritzt sie sich. Die dritte Tochter ist höchstens 14 Jahre alt, schminkt sich und übt sexy Tänze vor dem Fernseher. Ihr Bruder braucht die Mutter so sehr, dass er nachts unter ihrem Bett im Krankenhaus bleibt.

Die sterbenskranke Martha nimmt Claudia mit nach Hause, wie nebenbei, ohne große Worte. Es wird ja sowieso nicht viel gesprochen in dem Film. Andere Töne dringen laut zu fast statischen Bildern ins Ohr: Das Tropfen des Wasserhahns in Claudias Zimmer, das Rauschen der Autos auf dem Weg zur Arbeit, das Quietschen der Einkaufswagen im Supermarkt, das Piepen medizinischer Geräte – und, an einem glücklichen Tag, der Wellenschlag des Meeres. Wenn aber die Kinder reden, dann meist durcheinander. Da weiß man gar nicht, zu wem man zuerst gucken soll.

Ein wenig Traurigkeit

Claudia steht erst wie ein nicht abgeholter Koffer zwischen den anderen, will weg und kommt nicht fort. Sie wird Marthas Vertraute. Nach und nach findet sie ihren Platz in dem Gewusel, dringt mit ihrer Ruhe in die Familie. Als würde die Kamera ihr in Zeitlupe folgen, ist zu sehen, wie Claudia die älteste Schwester entlastet, der molligen zuhört, der jüngsten die Haare bürstet und mit dem Jungen Rätsel löst. Sie schaut, berührt, räumt auf, zieht eine Schlafdecke zurecht… Die junge Frau gehört mehr und mehr zur Familie, während Martha aus ihr entschwindet.

So lässt der Film wenig Traurigkeit zu; er berührt und ermutigt, weil die verschlossene Claudia sich öffnen kann. Der Goldfisch, den sie dem Jungen schenkt, landet im Aquarium, in dem bisher nur eine japanische Winkekatze saß. Er ist der wundersame Katzenfisch. Und Claudia wird eine wunderbare Schwester und Mutter.

Der wundersame Katzenfisch (Los insólitos peces gato) Mexiko, Frankreich 2013. Regie & Drehbuch: Claudia Sainte-Luce; Kamera: Agnès Godard; Darsteller: Lisa Owen, Ximena Ayala, Sonia Franco, Wendy Guillén, Andrea Baeza, Alejandro Ramírez-Muñoz. 95 Minuten, Farbe, FSK ab 6