Es war jetzt Schlüsselübergabe: Das Team um Chris Dercon ist in die Volksbühne eingezogen. Und es wurde sogleich tätig! Die alten Volksbühnen-Accounts bei Facebook, Twitter und Instagram wurden schlicht übernommen, mitsamt sämtlicher Freunde und Follower. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Aber im Kulturkampf zwischen alter und neuer Volksbühne ist auch nichts gewöhnlich.

Denn wenn die Accounts nicht gehackt wurden, brauchte es für ihr Fortführen die Passwörter. Waren sie in einem der Dramaturgenbüros an die Wand gepinselt? Oder hat doch eine ordnungsgemäße Übergabe stattgefunden? Die Nutzer der Kanäle wittern dagegen mehrheitlich einen Akt feindlicher Übernahme. Den Eindruck kann man haben, ja. Klickt man nämlich bei Facebook auf den Button „Veranstaltungen“, werden die Ereignisse im letzten Castorf-Monat angezeigt, endend mit dem Sommerfest am 1. Juli.

Frecher Etikettenschwindel auf Facebook?

Das wirkt, als wäre der Castorf-Abschied eine Dercon-Veranstaltung gewesen, als würde die neue Volksbühne die alte geradewegs fortführen. Beides ist falsch. Warum aber wird genau dieser Eindruck erweckt? Ist’s Dilettantismus? Ist es Ausweis eines frechen Etikettenschwindels?

Die Dercon-Truppe hätte sich eigene Seiten einrichten können – was zu empfehlen gewesen wäre, angesichts der allseits aufgeheizten Stimmung. Sie ist jetzt sogar noch aufgeheizter: Die Follower laufen in Scharen davon, die Kommentare ergeben, was man einen Shitstorm nennt.

Neue Volksbühnen-Symbolbilder

Als Symbolbilder haben die Neu-Bewohner der Volksbühne bei Twitter und Facebook übrigens rote Flächen gewählt. Die erste Facebook-Botschaft verkündet dies: „Die Sinne schärfen. Sich ins Detail versenken. Das Gesamte vom kleinsten Teil denken. Lauschen. Flüstern. Klein werden. Raus aus dem Totalzusammenhang. Kommt zusammen!“

Der Unkundige wird das für einen (verunglückten) Werbespruch halten. Es ließen sich damit bestenfalls die Serviceleistungen eines Massagestudios betiteln, auch für hochpreisige Produkte der Autobranche ist es passend. Noch besser sind diese Zeilen für christliche Splittergruppen geeignet: lauschen, flüstern, zusammenkommen – und Gott, den Herrn, preisen. Für die Dercon-Volksbühne bleibt nur die Frage, wer ihr Herrgott ist, die Werbeindustrie vielleicht.

Schwurbelige Phrasen bei Twitter

Auf Twitter wiederum gibt es dies zu lesen: „Eine Stadt in der Stadt. Ein Ort der Träume und des Wartens. Es wohnt hier wieder die Utopie.“ Das wird die gelernten DDR-Bürger an den damaligen Partei-Duktus erinnern, andere dürfen sich an ihre einstigen Poesiealben-Einträge erinnert fühlen. Nur: Was mag uns die Volksbühne mit derlei schwurbeligen Phrasen sagen wollen? Will sie überhaupt etwas sagen? Man weiß es nicht. 

Die Online-Petition an die Adresse des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller und den Kultursenator Klaus Lederer zur Neuverhandlung der Volksbühnen-Zukunft hat einstweilen übrigens gut 35.000 Unterzeichner gefunden, die Social-Media-Strategie von Dercon & Co.  hat ihre Zahl noch einmal sprunghaft ansteigen lassen. Falls es überhaupt eine Strategie gibt, verstärkt sie das Bild der jetzigen Volksbühne als trotzige, verbitterte Kommunikationsinkompetenz-Festung. Traurig!