Es scheint, dass damals, im letzten Sommer, alles noch wild und frei war: Ihr Haar wogte durch die Nacht, verfing sich, verschwitzt wie es war, in den schweißnassen Strähnen anderer, und das kleine silberne Medaillon, ein Hanfblatt, tanzte über ihrer Brust. Im Morgengrauen, wenn alle Tänzer in ihr jeweiliges Leben verschwanden, blieb ein von Schuhabdrücken gezeichneter Kellerboden zurück, übersät mit Haschkrümeln und Asche, und ihr Haar hatte sich in ein einziges krauses Knäuel verwandelt, als wären ihre Herkunft und ihr Blut über Nacht ausgetauscht worden. Das Mikro schwieg, die Roots-, Ska-, und Reggae-Alben ruhten neben den Hitachi-Plattentellern und schließlich stieg Da Lion of Judah von seinem Podest aus leeren Bierkästen herab und bot ihr an, ihn in sein Königreich in der Emek Jisrael zu begleiten.

Wäre Engelberg unter den Tänzern gewesen, ließen sich auf seinem Gesicht garantiert herablassende Zweifel lesen ob der angeblichen Ehre, die ihr zuteilwurde – iron, lion, Zion. Was würden M.C.s aus Chicago nicht alles machen, um hier ein Touristenvisum oder eine Arbeitserlaubnis zu ergattern? Aber Engelberg war ihr zu jener Zeit noch nicht über den Weg gelaufen. Und so folgte sie Lion, ohne zu zögern, den Strand entlang, über dem der Morgen graute, die Allenby und Salameh hinauf, wo sie ihm gestand, wie wohl sie sich unter dem Stammpublikum im Club fühlte. Hila wusste nicht warum, aber im Umgang mit weißen jungen Leuten war sie immer still und blass geblieben, hier, mit Lion, fühlte sie sich dagegen entspannt.

„Vielleicht liegt’s ja nur an der Qualität des Marihuanas“, meinte er grinsend, als sie den Eingang eines vergilbten Wohnhauses erreichten, in dessen oberstem Stockwerk sein modriges Königreich lag. Erst zwischen den zerrissenen Matratzen und dem als Tisch dienenden flackernden Fernseher fiel ihr auf, wie bescheiden seine Plattensammlung und wie dünn die Mähne von Da Lion of Judah war. Offenbar bestand sein Wohlstand aus den vielen Perlen. Fünf Mitbewohner teilten das winzige Königreich, schon äugte einer verschlafen aus dem Nachbarzimmer und zog sich mit gegähnter Entschuldigung zurück – sie war nur ein weiteres Kätzchen, das die Streifen auf seinem Fell neu ordnen wollte. Das Tageslicht schob sich durch die Jalousien, tätowierte glühende Linien auf ihre weiße Haut, während sie insgeheim die bunten Perlen im Haar von Da Lion zählte, die wenig später kurz ihren Hals, ihren Bauch und ihre Schenkel streiften, doch das erwachende Morgenlicht trübte bereits ihren nächtlichen Glanz.