Berlin - Dies gleich vorweg: Wir haben es hier mit zwei emotionalen, aber auch konzeptuell vorgehenden Malern zu tun. Zwei, die auf eigenwillige Art und Weise bühnenbildartige, malerisch-collagehafte Ästhetik mit (schrecklichen, schmerzhaften, fatalen) historischen Verweisen und aktuellen Andeutungen verbinden, mit Diktatur und Holocaust, Gewalt, Rassismus und Intoleranz. Dabei haben beide weder Skrupel noch Ängste, intensive Gefühle, intimste Verletzlichkeit zu zeigen. Wie wohltuend in einer Kunstszene, in der eher indifferente Kühle nach Marktwert schielt.

Zweierlei Merkwürdigkeiten fallen auf, steht man nun vor all den ausladenden Tafeln, die der Berliner Maler Norbert Bisky, 44, jüngst in Tel Aviv und sein Tel Aviver Kollege Erez Israeli, 40, in Berlin malten. Bei Bisky sind es florale farbige Keramik-Ornamente, trauernde israelische Soldaten und Fledermäuse und bei Israeli schwule Hampelmänner, brennende Schtetl, muskelbepackte Penis-Nasen-Typen. Bei beiden ist sie überdeutlich: die Obsession fürs Parabelhafte und die Paraphrase, für die zweite Ebene und einen abgründig bösen Witz.

Die beiden Maler, der deutsche und der israelische, haben von Januar bis März die Ateliers getauscht, und das, ohne sich gut zu kennen. Keine fünf Tage haben die beiden passionierten Club Berghain-Gänger sich abgesprochen. Verstanden haben sie sich gleich bestens, entdeckten sofort die gleiche Wellenlänge. Dann waren schon die Koffer gepackt. Fast drei Monate lang haben sie sich fast täglich über Sky ausgetauscht.

Alltägliches und Kurioses

Das Ergebnis ist nun in wenigen Tagen in zwei Ausstellungen zu sehen: In der Kreuzberger Galerie Crone, wo Israelis Arbeiten zu sehen sind, und in den einstigen Brauereiräumen von Bötzow, hoch genug, um Biskys aus Tel Aviv hertransportierten Tableaus namens „Derech“(Pfad) oder „Rehov“(Straße), aber auch Arbeiten auf Papier Raum zu geben. Abermals „fliegt“ bei Bisky alles, was er in Tel Aviv erlebte, in Reales oder Fiktionen verwandelte durchs Bild wie zentrifugalgeschleudert.

Der jeweilige Arbeitsort, Tel Aviv und Berlin, gab dem, was die beiden gedanklich mit ins Gastatelier nahmen, die Nahrung: Auf Biskys Tafeln, wo man das Blau des Meeres und die geografische Silhouette Israels ausmachen kann, fliegen Tel Aviver Alltagsfetzen über die Fläche: Gays am Strand, lehmgelbe, sonnenerhitzte Häuser mit Dachgärten. Und unten Straßensperren, von denen man nicht weiß, ob sie Bauarbeiten oder militärischen Aktionen gelten. Bisky malte trauernde und mit Gebetstuch meditierende Soldaten, orthodoxe Juden, rabenschwarz gewandet, abgesondert vom gottlosen bunten Stadtgetriebe, Am Himmel Hubschrauber.

Und auf einem nächsten Bild bohrt sich die Tel Aviver Bauhausarchitektur in den Horizont, auf der anderen Seite dringt ein lyrisches, florales Kachel-Muster in den Bildraum. Diese schöne Ornamentik sei für Tel Aviv typisch, sagt Bisky. Und dann die Fledermäuse. Die possierlichen Vampirchen bewohnen die multikulturelle Stadt fast wie wie eine Ethnie. Es vermischt sich Alltägliches und Kurioses, vermeintlich Sicheres mit Unsicherem, Tradition mit Moderne, Normalität mit dem immer fort drohenden Ausnahmezustand, dafür malte Bisky Explosionen, Brandstellen. Und draußen, vorm Eingang zur Ausstellung, ragt ein ausgebranntes Bus-Wrack aus dem Pflaster – dreidimensionales Bild für Krieg, Terror, Ratlosigkeit in einem Land, dessen Völker und Politiker zu keinem Frieden finden.

Wer würde all diese Kontraste daheim alltäglicher erleben als Erez Israeli, er stammt aus Beer Sheva, einer Beduinengegend, studierte, lebt und lehrt in Tel Aviv. Bald will er abermals für Monate nach Berlin ziehen, wo er 2014 ein Wandbild zum Gedenken an den von den Nazis ermordeten Juden Felix Israel an der Brandmauer Kottbusser Straße 10 malte. Dann ins Künstlerhaus Bethanien.

Provokation mit plakativen Zitaten

Gern wird sein Name falsch verstanden, als „Eretz“ was „Land“ heißt. Erez aber steht im Hebräischen für „Zeder“, diesen mediterranen Baum. Sein Großvater war ein nach Palästina geflohener rumänischer Jude namens Solovich; hatte sich den Familien-Namen „Israel“ zugelegt. Das erzählt der Maler mir vor Tagen, als seine Bilder im Friedrichshainer Bisky-Atelier auf den Transport in die Galerie Crone warteten. Das „Narrenschiff“ – deutlich der Verweis aufs berühmte Bild Albrecht Dürers, ist Israelis größte Arbeit, fast schon Relief: Braunschwarz auf ausgesägten Sperrholz-Schablonen, an Hampelmann-Stricken festgebundene Männer-Bodys, nackt, schwul, mit Narrenkappen. Die Galionsfigur des Bootes – für den Maler auch Metapher für Deportation – ist ein gewaltiger Penis, kopfüber hängt daran ein Narr.

Welch radikales Statement einerseits zum Holocaust, zu jeder Form von Klischee, Ausgrenzung, Ablehnung, Vernichtung von allem, was „anders“ ist, aus der „Norm“ fällt. Der Tel Aviver Maler hat, was er finden konnte, gelesen über die Nazi-Aktion „Entartete Kunst“. Der nackte Männerkörper als Kollektivkörper des Jüdischen?

Ja, Erez Israelis Kunst provoziert mit seiner plakativen Unmittelbarkeit voller Zitate aus der Kunstgeschichte. Auf einem nächsten Bild brennt ein Schtetl, davor baumelt ein jüdischer Pinocchio, samt (Juden) Witz: „Wie die Nase des Mannes...“ Auf Figurenbilder montierte er Hampelmänner, verdreht ihnen die Extremitäten, lauter Harlekine und – als Kontrast: Grimm’sche Märchenfiguren. Das Holzspielzeug fand der Maler auf Berliner Flohmärkten: Rumpelstilzchen, Schneewittchen, Rotkäppchen. Sein Gedanke hinterm Hampelmann sagt er, seien Spiel, Manipulation, Kontrolle, auch die Zurechtweisung: Sei nicht so ein Hampelmann!

Die beiden Ausstellungen

Zwei Kunstorte, die Kreuzberger Galerie Crone und Bötzow, die ehemalige Brauerei in Prenzlauer Berg, stellen die Ergebnisse des Ateliertauschs aus.

„Balagan“ („Durcheinander“ heißt Biskys Schau , Beginn 27.3. bis 30.8. Bötzow, Prenzlauer Allee 242, Do–Sa 15–20/So 14–18 14–18 Uhr.

„Zwischen OOOOH und AAAAH“ heißt Israelis Schau, Galerie Crone, Vernissage 27. 3., 19 Uhr, bis 25.4., Rudi- Dutschke-Str. 26, Di–Sa 11–18 Uhr.