Deutsch-türkisches Magazin: „Unser Ziel ist es immer, mit Vorurteilen aufzuräumen“

Renk (türkisch für „Farbe“) wurde 2012 von der Design-Studentin Melisa Karakus im Zuge ihrer Bachelor-Arbeit in Dortmund gegründet, damals ausschließlich als Online-Magazin „zur Aufdeckung deutsch-türkischer Ausnahmeverhältnisse“. Das Projekt erregte viel Aufmerksamkeit, wurde unter anderem mit dem Preis „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ der Bundesregierung und dem Kausa-Medienpreis ausgezeichnet. 2013 zog Karakus nach Berlin, seitdem wird Renk von hier aus produziert. Fast alle Autoren, Fotografen und andere Mitwirkende arbeiten ehrenamtlich. Das gedruckte Heft ist diesen Monat erschienen, erhältlich ist es im Fachhandel oder über www.renk.magazin.de.

Frau Karakus, Renk ist gestartet als Online-Magazin. Warum erscheint nun eine Druckversion?

Renk auf Papier anzubieten, ist einfach sinnvoll. Wir haben schon früh gemerkt, dass unsere Leser besonders treu sind, das heißt, dass sie etwa einen Artikel lesen und dann nicht weiterklicken. Renk ist keine Tageszeitung, wir produzieren nicht täglich Content. Unsere Leser warten auf die Beiträge; sie lesen einen nach dem anderen.

Warum sind Ihre Leser, wie Sie sagen, besonders treu?

Wir bekommen regelmäßig Feedback in Form von E-Mails, in unseren Social-Media-Kanälen oder auch persönlich. Wir haben es mit Renk geschafft, eine Marke zu etablieren, die für ein junges, kreatives, deutsch-türkisches Lebensgefühl steht, ohne dabei andere auszuschließen. Fragen nach Identität, Herkunft oder Zugehörigkeit sind immerhin universell. Im deutschen Sprachraum sind wir damit allein.

Wie beschreiben Sie dieses deutsch-türkische Lebensgefühl?

Unsere Zielgruppe sind Menschen wie ich. Ich nehme mir Elemente aus der deutschen und der türkischen Kultur und setze mir meine Identität zusammen. Morgens trinke ich meinen Mokka und abends mein Bier. Die Frage nach Herkunft ist dabei nicht wichtig. Mit Renk sind wir einen Schritt weiter und verstehen ein multikulturelles Deutschland als normal.

Was für Themen sind in Ihrem Heft zu finden?

Das Deutsch-Türkische zieht sich durch das Heft, aber auch Themen, die direkt mit der Türkei zusammenhängen und überraschen. Wir haben zum Beispiel eine Geschichte über Polonezköy drin, ein polnisches Dorf in Istanbul oder eine Bilderserie, die rothaarige Türken zeigt. Nicht jeder Türke hat schwarzes Haar. Unser Ziel ist es immer, mit Vorurteilen aufzuräumen. Um dabei zu bleiben: Auch zeigen wir eine deutsch-türkische Motorradgang, deren Mitglieder waren sehr freundlich, keineswegs bedrohlich. Im Magazin ist zudem ein Interview mit Umut Özdemir, einem Psychologen am Institut für Sexualforschung der Berliner Charité, über das Tabuthema Sex.

Die erste Print-Ausgabe des Magazins ist, wie auch schon das Online-Magazin, gestalterisch aufwändig. Es gibt viele Grafiken, seitenfüllende Fotos, es ist beinahe 200 Seiten stark. Im Verkauf kostet eine Ausgabe 12,50 Euro. Das ist ein stolzer Preis. Wie haben Sie das Ganze finanziert?

Wir haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, viele Leser und Neugierige haben sich über Spenden am Projekt beteiligt. Crowdfunding ist eine wenig riskante Art, wie man aus einem Online- ein Print-Produkt aufbauen kann. Wir haben 8000 Euro zusammenbekommen, damit konnten wir arbeiten. Wenig später kamen dann bereits Anzeigenkunden auf uns zu, von denen wir einige auch Prominent im Heft platziert haben. Mit der ersten Ausgabe wollten wir herausfinden, ob die Leser überhaupt Lust auf diese Form haben. Unser Feedback ist soweit sehr positiv, wir haben mehrere Tausend Exemplare verkauft, sogar ins Ausland, zum Beispiel nach New York. In Leserzuschriften wird unsere Arbeit teils überschwänglich gelobt. Das bestätigt mich darin: Wir haben den Sprung von Online zu Print geschafft. Die zweite Ausgabe ist bereits in Planung. Es wird vermutlich noch drei Monate bis zu dessen Erscheinen dauern, Mit welcher Regelmäßigkeit Renk in Zukunft erscheinen wird, kann ich noch nicht sagen. Wahrscheinlich aber wird es ein Vierteljahresmagazin.

Online verdienen viele Zeitungs- und Magazinmacher nur schwer Geld. Viele User verharren in ihren Social-Media-Plattformen, Verlage gehen leer aus. Wird der von einigen schon tot geglaubte Klassiker Print in Zukunft zum Retter für eine kriselnde Branche?

Das ist in erster Linie abhängig vom Inhalt. Jede Zeitung und jedes Magazin muss seine Form finden. Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass es für Renk in jedem Fall Print ist, also die gedruckte Form. Renk ist ein Nischenmagazin, das Deutsch-Türkische steht bei uns im Vordergrund. Grundsätzlich – davon gehe ich aus – haben Magazine in Printform eine Zukunft, wenn sie sich auf ihre Kernkompetenz berufen und die Marke so stärken. Tageszeitungen, die ausschließlich kurze Nachrichten verkaufen, haben es schwer; das Internet und seine Umsonstkultur haben deren Funktion übernommen. Unser Content ist zeitlos, Leser können sich eine Ausgabe auch ein Jahr nach deren Erscheinen angucken  und  neue Themen entdecken.

Das Gespräch führte Philipp Fritz.