Eine heute nahezu unmögliche Gattung ist die Messe. Nicht nur müsste man das Ideal des gesellschaftlich wachen Künstlers verraten, um Anlass zu jenem Jubel zu haben, den Gloria oder Sanctus erheischen.

Umgekehrt liegt auch die abschließende Friedensbitte auf gar zu banale Weise nahe. Als Reaktion darauf etablierte sich die Konzertmesse, wie sie von Beethoven, Schubert, Schumann oder Janácek als außerliturgische Reflexion auf Gott und Glaube verwirklicht wurde.

Ein Staatskomponist

Jubel oder Zuversicht entstehen hier aus der Auseinandersetzung mit musikalischen Charakteren, wie sie in früheren Zeiten, bei Josquin oder Palestrina, geprägt wurden; auf sie kann sich ein Komponist auch dann produktiv beziehen, wenn es mit dem eigenen Glauben nicht so weit her ist.

Bei Stefan Heucke, der in Bochum als freischaffender Komponist lebt, steht der Glaube nicht in Frage: Sein Werkverzeichnis enthält Motetten und Kantaten und sogar Symphonien und Klaviersonaten mit sakralen Titeln oder Texten.

Für seine „Deutsche Messe“, die nach den ersten Aufführungen in Mainz und Halle am Montag im Berliner Konzerthaus erklang, hat Heucke eine Übersetzung des Messordinariums durch den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert gewählt – und ist damit zum Staatskomponisten geworden, dem Staatskulturministerin Monika Grütters mit einer Rede den Weg bahnt.

Da Lammert katholisch, Heucke protestantisch ist, das Jahr der Uraufführung von den Feiern zu 500 Jahren Reformation gezeichnet, wird das Werk mit jubilarischer und ökumenischer Relevanz schier überlastet. Die vielen leeren Plätze im Konzerthaus straften dann auch die Rede von der verbindenden Kraft der Musik und den kulturellen Wurzeln des Landes Lügen.

Expositionswiederholung einer großen Symphonie

Heuckes Messe fordert durch ihre Länge von mehr als 90 Minuten Vergleiche mit den ganz großen Messen heraus und unterläuft sie zugleich durch die deutsche Sprache. „Deutsche Messen“, seien sie von Schubert, Ernst Pepping oder anderen, waren bislang knapp und orientierten sich entweder an einfach liedhaften Melodien wie Schubert oder an den protestantischen Katechismus-Liedern wie Pepping.

Heucke verwendet auch viele Choralweisen, jedoch sucht er vor allem nach einer großen Form – und wenn sie aus sich nicht groß genug wird, wird sie es durch Verdoppelung: Irritierend folgt der dritten Bitte des „Erbarmen“ genannten Kyrie-Satzes die verkürzte Wiederholung aller drei Bitten – es wirkt wie die Expositionswiederholung einer großen Symphonie.

Gegen die liturgische Tradition

Und tatsächlich nimmt Heucke Elemente dieses Satzes im weiteren Verlauf wieder auf: Wenn im „Ehre“, dem Gloria, von Christus die Rede ist, erklingen die gleichenden pochenden Begleitakkorde der Bläser wie beim „Christus erbarme dich“.

Und der beeindruckende Anfang, bei dem ein dicht und dissonant geklumpter Choraufschrei sich in einen Molldreiklang auflöst, kehrt im „Friede“, dem abschließenden Agnus dei, wieder. Auch in diesem Satz werden die drei Bitten nach Ablauf gegen die liturgische Tradition wiederholt.

Schlachtengemälde von Schostakowitsch

Man ist sich beim Hören dieses Werkes nie recht sicher, wie hoch man den Bekenntnis-Charakter werten soll und im gleichen Umfang den künstlerischen Anspruch relativieren muss. Zu Beginn der „Anbetung“ führt Heucke einen Anklang an die liturgische „Heilig, heilig, heilig“-Melodie durch alle zwölf Dur-Tonarten.

Er illustriert damit die Totalität, das „Himmel und Erde sind deiner Ehre voll“, schafft einen klanglich reizvollen Moment, der zudem mit der erweiterten Tonalität der Partitur schlüssig zusammenhängt.

Aber wie fassadenhaft wirkt dagegen die Kriegsmusik zur Friedensbitte – nicht nur, dass dergleichen vor 200 Jahren schon bei Haydn und Beethoven zu hören war, Heucke walzt diese Episode auf die Dimensionen eines Schlachtengemäldes von Schostakowitsch aus.

Am Zeitgeist entlangtastet

Am religiösen Ernst des Komponisten ist nicht zu zweifeln, wohl aber daran, wie weit er sich in künstlerischen Ernst transformiert. Die Choralmelodien inszeniert Heucke zwar nicht als Embleme einer heilen Glaubenswelt, aber so wie er sie versteckt, wirken sie eher pflichtgemäß gebrochen – „das macht man eben heute so“ –, während der Blechbläsersatz doch oft genug eine als prachtvoll gedachte Göttlichkeit suggeriert.

So hat man den Eindruck, dass sich Heucke eher am Zeitgeist entlangtastet, als eine entweder persönlich zugespitzte oder selbstbewusst weltenferne Interpretation des Messtextes zu komponieren.

Den Auftrag zur „Deutschen Messe“ gab das Deutsche Symphonie-Orchester, das unter Leitung Steven Sloanes routiniert zur Sache geht. Der Rundfunkchor Berlin dagegen, einstudiert von Philipp Ahmann, wird zum leuchtenden Protagonisten dieses langen Werks, und dessen Solisten Isabelle Voßkühler und Christina Bischoff singen Juliane Banse, ihre Soprankollegin an der Rampe, glatt an die Wand.