Berlin - Schon der Rossini-Enthusiast Stendhal sah seine Lieblingswerke oftmals entstellt durch die Lächerlichkeit der Bühnendekoration. Bei „Tancredi“, der ersten ernsten Oper Rossinis, warfen die Bäume ihre Schatten an den Bühnenhimmel. Und das Schiff, mit dem der Titelheld ins sizilianische Siracusa zurückkehrt, wackelte schief durch die Kulissen. Dem Zauber der Musik tat das keinen Abbruch. Auch die Besucher des „Tancredi“ in der Deutschen Oper dürfen sich in erster Linie an die Musik halten. Bei hauseigener Besetzung ist die Produktion als solche eine Übernahme vom Rossini-Festival 1999 in Pesaro.

Der Schauplatz ist ein kolossales marmornes Universalgemäuer, in dem sich ein guter Teil des gesamten opera seria-Repertoires unterbringen ließe. Ein paar Elemente können nach Bedarf verschoben werden, etwa um den Chor der Krieger dekorativer zu verteilen. Die Rückwand ist umklappbar, so dass sich dem Auge auch einmal weitere Perspektiven eröffnen. Vor blauem Nachthimmel wird Tancredis Ankunft so in der Ferne als hübscher Schattenriss gezeigt. Lächerlich ist dieser sehr funktional durchdachte szenische Minimalismus nicht, er wirkt nur einigermaßen austauschbar. Mittelalter oder Antike? Ähnlich funktional auch die Kostüme, wie Massenware aus einer antiken Kleiderkammer. Das drückt das Niveau des noblen Personals ziemlich nach unten, und hier wird der Sparzwang offensichtlich, mit einem nun doch das Lächerliche streifenden Ausdruck. Aber dieses kann man keinesfalls dem Festival in Pesaro vorwerfen, das mit seinen Mitteln große Dinge vollbringt. Es wirft eher ein trübes Licht auf die Einkäufer aus Berlin, die damit ihren Spielplan kostengünstig füllen und mit diesem Theater im Theater eigene Ansprüche aufgeben.

Bühne, Kostüme und Regie stammen aus einer Hand. Die Unaufdringlichkeit von Kleidung und Raum könnte da natürlich Freiheit schaffen für ein umso intensiveres Spiel. Aber das ist nicht der Fall. In der von Pier Luigi Pizzi verantworteten Produktion spielt jeder wie er kann und mag. Welten trennen das robuste Auftreten von Hadar Halévys Tancredi und die gestenreiche, präzis stilisierte Körpersprache, die Patrizia Ciofi dessen Geliebter Amenaide gibt. Ein seltsames Paar. Allerdings nährt sich der Ruhm des Festivals in Rossinis Geburtsstadt Pesaro auch weniger durch die Namen der Regisseure, sondern durch den des Dirigenten Alberto Zedda, der auch in hohem Alter noch lebendig im Orchestergraben agiert.

Gerade das, was bei Rossini klischeehaft herüberkommen könnte, besitzt bei Zedda die Individualität des inspirierten Augenblicks. Kein crescendo wächst wie das andere, keine Stretta kommt auf dieselbe Art in Schwung. Die Rhythmen wirken bei aller Präzision biegsam und das Orchester scheint mit den Sängern zu atmen. Sängerisch besitzt der Abend hohes Niveau, wobei die Männerstimmen naturgemäß weniger Möglichkeit haben zu glänzen. Krzysztof Szumanski mit schlagkräftigem Bariton und der etwas angestrengte aber makellose Tenor von Alexey Dolgov geben den Senatoren hinreichend Statur, aber kaum Individualität. In der Minirolle von Tancredis Begleiter Roggiero gewinnt die junge Hila Fahima die Publikumsherzen mit Frische und Innigkeit ihres Gesanges.

Exponierter und größer angelegt wirkt zu Beginn des zweiten Aktes die Arie von Isaura, der Vertrauten von Amenaide. Wie Clémentine Margaine hier mit überraschend farbiger Tiefe und selbstverständlicher Kraft in der Höhe auftrat, wäre geradezu sensationell, wenn man mehr vom Text verstehen könnte. Hadar Halévy gibt den Tancredi zwar mit großem Atem und genügend Kraft, aber doch mit wenig Zwischentönen. So wird dieser „Tancredi“ vor allem im zweiten Teil mehr und mehr zu einer „Amenaide“. Patrizia Ciofi findet zu einer hinreißenden Einheit von Spielen und Singen, bei der zudem das Sängerische stets vom Musikalischen geleitet wird, die Innigkeit der Empfindung noch die feinste Biegung ihrer Koloraturen belebt.

„Tancredi“ wieder am 1. und 4. 2. Karten: 34 38 43 43