Zur Zeit funktioniert in Berlin nahezu kein Musikbetrieb. Von der Staatsoper reden wir ja schon gar nicht mehr – hat die wirklich mal Unter den Linden gespielt? Das Konzerthaus wird gerade technisch aufgearbeitet und zwang Young Euro Classic in den Admiralspalast, die Deutsche Oper bringt ihre Bühnentechnik ebenfalls auf Vordermann und muss dafür eine längere Schließzeit in Kauf nehmen – aber das bringt auch nette Überraschungen mit sich wie die „Zauberflöte“ am Sonnabend in der Waldbühne. Nur einmal wird sie gespielt, ist ein Event im besten Sinne, nämlich im Sinne dieses seltsamen Werks.

Zuletzt konnte man die „Zauberflöte“ szenisch verknappt im Radialsystem sehen – das hatte auch was. Aber das Erstaunliche, das Kulissenhafte, das Bunte gehört eben doch essenziell zum Stück dazu – das mag paradox klingen, aber szenische Zerstreuung bewirkt hier Konzentration und szenische Reduktion eher Verwirrung. Die „Zauberflöte“ kennt nicht nur viele Stile zwischen Volkslied, psychologisch verdichteter Arie und noblem Sarastro-Tonfall, sondern auch verschiedene musikdramaturgische Niveaus: Fällt Tamino in der Bildnis-Arie wegen übergroßer Ergriffenheit aus dem Sprechen ins Singen, so sind Papagenos Lieder solche, die er auch dann tatsächlich vor sich hin trällern würde, wenn er keine Opernfigur wäre. Aber solche Unterschiede werden in einer Inszenierung, in der alle Figuren gleich aussehen und in neutraler Umgebung agieren, unverständlich.

Das szenische Arrangement von Gerlinde Pelkowski hat den Vorteil, den Zuschauer nicht mit interpretatorischen Grübeleien zu belasten. Auch die Exzentrizitäten der Figurenzeichnung, die Katharina Talbach vor drei Jahren in der Seebühne Wannsee dem Stück angedeihen ließ, bleiben hier aus. Wenn man das als inszenatorische Zurückhaltung empfindet, mag das dem Ort und einem Publikum geschuldet sein, bei dem man keine allzu große Opernkennerschaft vermuten darf.

Drei Security-Typen betreten die Bühne

Aber eigentlich ist es keine Zurückhaltung, was Gerlinde Pelkowski angetrieben hat, sondern die Idee des effektvollen Spektakels – und das gelingt ihr so unterhaltsam wie geschmackvoll und hier und da sogar erstaunlich. Hintergründig witzig, wie zu Beginn drei Security-Typen der Art, die das Publikum vor, während und nach der Aufführung tatsächlich überwachen, die Bühne betreten, vor der herannahenden Schlange sofort davonlaufen und nur einer mit diesem chinesischen Drachen allein bleibt, der damit als Tamino kenntlich wird. Konsequenzen hat dieser szenische Gag nicht – egal.

Ernster und schöner ist der Auftritt einiger als Tiere verkleideter Tänzer zu Taminos Flötensolo: Biene und Schmetterling, Pinguin und Eisbär, Löwe und Kamel kommen heran bei den schmeichelnden Tönen. Das steht so im Libretto, und Tamino singt ja auch: „Wie stark ist nicht dein Zauberton, / dass, holde Flöte, durch dein Spielen / selbst wilde Tiere Freude fühlen“ – Tamino als neuer Orpheus, der die Tiere miteinander versöhnt. Unendlich rührend, wie das Kamel den Kopf hängen lässt, als es Tamino nicht gelingt, mit der Flöte die Geliebte anzulocken: Sogar Mitleid hat die Musik ins Herz der Kreatur gepflanzt.

Drei Pyramiden für „Natur“, „Vernunft“, „Weisheit“

Tatsächlich hat Tamino ja einen Orpheus-Auftrag: Pamina aus der Gefangenschaft zwar nicht des Todes, aber Sarastros retten; und auch hier darf der Geliebten keine Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Pointe ist nur, dass Tamino nicht etwa Pamina heraus, sondern sie ihn hineinführt in die Mysterien dieser anderen Welt. Natürlich übernimmt sie dabei am Ende die Führung, und wir hoffen, dass sie den Thron besteigt und nicht ihr hasenfüßiger Geliebter. Denn mit einem schönen Zug zeigt die Regie, dass Pamina nicht nur den Vogelmenschen Papageno annimmt, sondern auch den Monostatos – damit überwindet sie den Elitismus und Rassismus, der an der Sarastro-Welt beharrlich irritiert. Die Regisseurin hat diese Weisheits-Welt recht getreulich inszeniert: Da sind drei Pyramiden für „Natur“, „Vernunft“, „Weisheit“, die Priester tragen vertraute Gewänder. Nichts irritiert momentan mehr, als wenn eine Inszenierung auf Ironisierung von Autoritäten verzichtet.

Auf der anderen Seite hat die Produktion Ethik durch politisch korrektes Reden ersetzt: Monostatos ist kein „Mohr“, sondern ein „Sklave“, und genauso ist in seiner Arie Pamina auch keine „Weiße“, sondern eine „Holde“. Vielleicht muss man das machen wie bei Pippi Langstrumpf; wissende Distanz zur historischen Sprache eines über 200 Jahre alten Kunstwerks kann man hier nicht voraussetzen.

Gleichwohl: Ein schöner Abend, den vor allem Simon Paulys Papageno bestreitet: Er singt radelnd und treppenstürmend, stets kernig und textverständlich und scherzt mit dem Publikum. Yosep Kang ist ein Tamino der lyrisch-schmelzenden Art, allerdings szenisch eher ein Requisit. Ante Jerkunica verkörpert den Sarastro als Bass-Mirakel, dessen Auftritte seltsam folgenlos sind. Lebendiger sind die Frauen – aber von Hila Fahimas kindlich-lodernder Königin der Nacht abgesehen ist das sängerisch wenig beeindruckend. Das Orchester der Deutschen Oper klingt nicht gerade liebevoll abgemischt, teils glaubt man einzelne Streicher herauszuhören – und ob etwa die ausdrucksvoll gewundenen Fagott-Linien von Donald Runnicles am Pult hervorgehoben wurden oder von der Tontechnik, entzieht sich dem Urteil. Die frischen Tempi trugen indes einen wichtigen Teil zum Timing der bejubelten Aufführung bei.