Im Handumdrehen war der Chor nüchtern. Kein Torkeln, kein Zuprosten mehr. „Ich hab die Säufer auf schnellen Entzug gesetzt“, scherzt Gerlinde Pelkowski, Regisseurin der Wiederaufnahme von Giacomo Puccinis Oper „Manon Lescaut“ durch die Deutsche Oper Berlin. Auch die üppigen Dekolletés der Rokoko-Damen sind mit eingesteckten Tüchern züchtig geschrumpft und Manons leidenschaftlicher Kuss für den Geliebten Des Grieux ist nur noch angedeutet.

Pelkowski hat die Inszenierung von 2004 in einer prüderen Spielart wiederbelebt. Nicht für das Stammhaus an der Berliner Bismarckstraße, das gerade wegen technischer Modernisierung geschlossen ist, sondern für das Royal Opera House Muscat, das Königliche Opernhaus im fünftausend Kilometer entfernten Maskat, der Hauptstadt des arabischen Emirats Oman. Und in dem islamischen Staat sind eben bei aller Offenheit gegenüber dem Westen Alkohol sowie öffentliche Zuneigungsbezeugungen unerwünscht.

Mit der Oper hat sich der musikliebende Alleinherrscher des Wüstenstaates, Sultan Qabus ibn Said, dessen überlebensgroßes Bildnis den Besucher gleich bei Betreten der Ankunftshalle des Flughafens empfängt, 2011 einen Wunsch erfüllt. Nach zehn Jahren Planungs- und Bauzeit eröffnete das Musiktheater sowie ein Einkaufszentrum und Cafés auf einem acht Hektar großen Areal. Es war das erste Opernhaus und ist noch immer das einzige auf der arabischen Halbinsel. Das nächste ist erst in Kairo oder Beirut zu finden. Noch, denn die Nachbarn in Abu Dhabi und Dubai bauen bereits.

Eigentlich wollte die Deutsche Oper nach China reisen und dort Richard Wagner in fünf Städten konzertant aufführen. Im Gegensatz zum Engagement in Oman aber, wo die Royal Opera die Kosten von einer halben Million Euro großzügig übernimmt, wäre ein Ausflug nach Fernost für die Berliner teuer geworden. Das hat dem Intendanten Dietmar Schwarz, der mit 230 Sängern, Musikern, Technikern sowie Masken- und Kostümbildnern angereist ist, die Entscheidung sicher erleichtert.

Wie ein Palast aus Tausendundeiner Nacht wirkt das mächtige Gebäude, dessen heller Marmor sich gegen den strahlend blauen Himmel abhebt, reich verziert mit Türmen, Bogengängen und außerdem einem nicht minder großzügigen Palmengarten mit Blick auf den indischen Ozean. Der Zuschauersaal für über 1000 Menschen ist mit Teakholz verkleidet und kunstvoll mit Intarsien, ornamentalen Schnitzereien und Goldakzenten geschmückt. Auch die Technik ist auf dem neuesten Stand und übertrifft die mancher europäischer Häuser. Eine Milliarde Euro soll das Opernhaus gekostet haben, finanziert aus der Privatschatulle des Sultans, der auf der Forbes-Liste der reichsten Adligen Platz zehn belegt.

In einem Land, in dem es Theater nie gegeben hat, soll die Royal Opera den drei Millionen Omanis den Blick in andere Kulturen öffnen. Dass Stars wie der Tenor Placido Domingo, der Geiger Gidon Kremer oder die Wiener Staatsoper ihren Weg auch nach Maskat finden, dafür sorgt die gebürtige Hamburgerin Christina Scheppelmann. Vor zwei Jahren übernahm die 48-Jährige die Intendanz, nachdem sie zuvor zehn Jahre die Washington National Opera künstlerisch geleitet hatte. In ihrem Büro in der ersten Etage des Opernhauses erinnern Kostümskizzen einer Don-Giovanni-Aufführung an diese Zeit. Ein Haus völlig neu aufzubauen, das ist es, was sie an Oman gereizt hat – und das ohne die in Europa allgegenwärtigen Finanzprobleme.

Scheppelmann sitzt hinter einem massiven Holzschreibtisch, über ihrem Kopf lächelt der Sultan von einem Foto auf den Besucher herab. Vier Jahre wollte sie bleiben. Nun wird sie bereits im Januar nach Barcelona gehen, um die Leitung des Gran Teatre del Liceu zu übernehmen. War es also doch zu früh für eine Intendantin in einem arabischen Land? Scheppelmann schüttelt unwillig den Kopf. „Nein, das war einfach ein unwiderstehliches Angebot“, sagt sie. „Wir haben ein völlig falsches Bild von der arabischen Welt. Noch zur Zeit meiner Großmutter haben auch in Deutschland Frauen keine Hosen getragen und der Gatte hat alle Verträge unterschrieben.“ Der Oman sei fortschrittlich. Tatsächlich sind Frauen Teil des öffentlichen Lebens, als Polizistinnen, Angestellte oder bis hinauf in die beratenden Regierungsgremien als Ministerinnen.

Dennoch ist Fingerspitzengefühl gefragt. Nicht alles kann gezeigt werden. Verdis „Don Carlos“ etwa, wo es um die spanische Inquisition geht. Auch Puccinis „Tosca“, deren erster Akt in einer Kirche spielt, wäre unpassend. „Ich bin diesen Aufstand darum, was man zeigen kann und was nicht, schon etwas leid“, sagt Scheppelmann, die das Wort Zensur meidet und lieber von Respekt gegenüber anderen Traditionen spricht. Die Oper war nicht unumstritten. Der Großmufti des Landes wetterte heftig gegen das Haus. Und als am Tag der Eröffnung ein Wüstensturm wie seit Jahren nicht mehr den Himmel über Maskat verdunkelte, sahen sich die Kritiker bestätigt. Neuen Ärger will man vermeiden.

Auch deshalb sitzt Issam El-Mallah während der Orchesterhauptprobe in den roten Samtsesseln des Zuschauerraums. Der ägyptische Musikethnologe berät nicht nur die Intendantin, sondern auch die osmanische Regierung. El-Mallah, der darüber hinaus an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt und fließend Deutsch spricht, schaut, was auf der Bühne geht und was nicht.

Zur ersten der beiden Aufführungen kamen nur wenige Omanis, leicht zu erkennen an den Nationaltrachten: die Herren in heller Dischdascha, dem knöchellangen Gewand, und Turban, die Frauen in schwarzer, ebenso langer Abaya und kunstvoll gewundenem Kopftuch. Die Mehrheit aber sind in Oman lebende Europäer oder Amerikaner sowie Inder, die fast ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Sie feiern die Berliner Inszenierung mit stehenden Ovationen.