Berlin - Das Mädchen schreit: „Wie alles war, weiß ich, wie alles wird, wie alles sein wird, seh’ ich auch!“ Wagner. Rheingold. Ein Fragment aus der vierten Szene. Das Mädchen schreit und schreit, kraftvoll, mit so viel Verzweiflung, mit so viel Wut, dass die Worte direkt aus ihr herauszukommen scheinen und nicht mehr aus einem fast 150 Jahre alten Libretto. Das Mädchen steht auf der Bühne der Deutschen Oper, sechzig Jugendliche hinter ihm, im Graben sechs Sänger aus dem Ensemble und das Orchester, links daneben ein DJ am Mischpult, Jungen an E-Gitarren und Bass. Sechs Monate lang haben sie geprobt. „Ring: Next Generation“ ist allein logistisch ein irres Vorhaben, eines, das an so vielen Stellen scheitern könnte, nicht zuletzt an der Größe des Stoffs.

Fünf Tage vor der Premiere am Sonntag ist diese Frage nach dem Scheitern noch nicht entschieden. Die Jugendlichen sitzen in Jogginghosen, T-Shirts und Sneakern auf der Bühne, die erste halbe Stunde des Stücks haben sie gerade durchgespielt, zum ersten Mal die Musik live gehört, dann hat der Dirigent mit einem unaufgeregten „Danke“ unterbrochen: „Pause“.

Radiergummi im Kopf

Aus der ersten Reihe beugt sich jetzt die musikalische Leiterin zu ihm in den Orchestergraben hinunter: „Bei Walküre 2 sind meine Gitarren aus der Kurve geflogen“, sagt sie, „und die Streicher waren etwas dünn.“ – „Dünn?“, fragt der Dirigent und für einen Moment scheint der Graben zwischen ihnen gähnend groß zu werden: Auf der einen Seite der junge Dirigent Moritz Gnann, der neu ist an der Deutschen Oper, davor assistierte er zuletzt Andris Nelsons in Bayreuth, und der seinem Orchester gerade ein Forte abverlangt hat. Auf der anderen die Drum ’n’ Bass-DJane Alexandra Holtsch, die ihre Musik nicht mal annähernd zum Anschlag aufgedreht hat, wie es elektronische Musik eigentlich braucht.

Doch auf der Opernbühne geht es darum, ein Ganzes zu schaffen. „Jetzt nicht frustriert sein“, sagt Alexandra Holtsch und schaut Moritz Gnann aufmunternd an. Wenn dieses Projekt noch scheitern kann, dann auf der Zielgeraden, wenn alle Erwartungen der Realisierbarkeit standhalten müssen. Doch vielleicht ist Scheitern gar kein Begriff, der passt, denn das ganze Projekt ist als Weg angelegt, der, weil er über Neuland führt, vielleicht sowieso nur Gewinn bedeuten kann: Am Ende wird jeder was gelernt haben, so war es von Anfang an gedacht.

„Ich bin mit einem Radiergummi durch meinen Kopf gegangen“, sagt der Regisseur Robert Lehniger. Und er hat einen großen Kopf. Eine Ähnlichkeit zu Wagner könnte man da sehen, auch in der hohen Stirn und dem sanft gelockten Haar darüber. „Ich musste Wagners Ring von Null entdecken“, sagt Lehniger. Er hat sich so auf eine Stufe mit den Jugendlichen begeben. Sie wurden in einem Casting aus hunderten Bewerbern ausgewählt. „Ring: Next Generation“ ist kein Projekt wie Simon Rattles „Rythm is it!“, das vor allem ein pädagogisches war. Die Jugendlichen kommen nicht aus „Problemschulen“, tänzerische und musikalische Fähigkeiten wurden vorausgesetzt.

Ein Stück über den neuen Menschen

Vor allem aber, sagt Regisseur Lehniger, habe er nach Präsenz gesucht und „durchgeknallter Fantasie“. Er hat sich darauf eingelassen, den Jugendlichen den Stoff zu überreichen und ihn durch ihre Augen zu sehen: Zu Beginn der Proben ließ er jeden von ihnen ein paar Seiten aus P. Craig Russels Comic-Version des Rings nacherzählen, vor der Kamera. Heraus kam eine achtzig Minuten lange Fantasygeschichte, die auch eine Coming-Of-Age-Geschichte ist: über die Abnabelung von den Eltern und das Finden einer neuen Sprache, die die Alten nicht mehr verstehen; auch über den Willen, das Leben nach eigenen Wertvorstellungen zu führen.

Die Jugendlichen diskutierten dazu noch über das Buch der Zukunftsforscher Roman Brinzanik und Tobias Hülswitt „Werden wir ewig leben?“: Wie wird die Liebe sein? Wie werden unsere Körper aussehen? Wie das Altern? Zusammen mit den Nacherzählungen bilden Ausschnitte aus dieser Diskussion eine eigene Textspur, die auf der Bühne auf einer riesigen Leinwand läuft. Lehniger hat so aus Wagners Ring ein Stück über den neuen Menschen gemacht.

Es ist dieses Herausarbeiten der bei Wagner angelegten Themenkomplexe, das Schärfen und Verdichten, die das Stück antreiben sollen. Im Grunde ging Alexandra Holtsch bei der Komposition der Musik nach dem gleichen Prinzip vor: Nicht Wagner verändern, schon gar nicht ihn modernisieren. Stattdessen schaffte sie – ebenfalls zusammen mit den Jugendlichen, denen sie eine Auswahl der gut fünf Dutzend Leitmotive vorspielte – Assoziationsräume, die sie mit ihren elektronischen Klängen aufgriff. „Wagner in eine neue Umgebung stellen“, nennt sie das, „ihm ein neues Kleid geben.“

Wagner auf den Punkt bringen

Holtsch, 53 Jahre alt, hat klassischen Gesang studiert, ehe sie in den Berliner Clubs Drum ’n’ Bass auflegte. Ihr habe immer gefallen, sagt sie, dass Drum ’n’ Bass musikalisch komplex ist, dass die Rhythmen verschachtelter. üppiger waren als in anderen elektronischen Genres der Neunzigerjahre.

Wenn also eine wie Alexandra Holtsch Wagner seziert, dann mit einem großen Verständnis für das Rohmaterial. Sie hat bereits für zahlreiche Sprechtheaterinszenierungen und Filme gearbeitet, auf der 10. Biennale in München zeigte sie mit „Barcode“ eine „Scratchopera“, dort war auch Dorothea Hartmann von der Deutschen Oper auf sie gestoßen. „Ich habe versucht, Wagner auf den Punkt zu bringen“, sagt Alexandra Holtsch.

Das soll jetzt also in der Deutschen Oper zu hören sein. Dazu bilden die Jugendlichen auf der Bühne eine Art lebendige Installation. Das liegt am Bühnenbild, das intensive Bilder schafft. Wenn etwa die Jungen nur mit Boxershorts bekleidet in einen großen Plexiglaswürfel kriechen und mit Händen und Gesichtern blaue Farbe an die transparenten Wänden schmieren. Das liegt auch an der Choreografie, die die Jugendlichen mit einer Inbrunst tanzen, die ergreifend ist. Das liegt an der Musik, wenn die E-Gitarre – klanglich ähnlich wie einst Jimi Hendrix die amerikanische Nationalhymne – die ganze Leidenschaft aus der Musik herausholt, und dabei den durchaus schwülstigen Wagner-Pathos zurücklässt.

So finden Altes und Neues zusammen. „Ring: Next Generation“ ist Teil des Vorhabens von Dietmar Schwarz, Intendant seit Sommer vergangenen Jahres, mit neuen Formaten ein jüngeres Publikumfür die Oper zu gewinnen. Dafür wurde etwa die Tischlerei unter der Leitung von Dorothea Hartmann geschaffen, als Raum für junge Künstler und kurzfristiger realisierbare Projekte. Dass dieser Erneuerungswunsch im Wagner-Jahr aber ein essenzieller ist, wird nun auch daran deutlich, dass „Ring: Next Generation“ auf der Hauptbühne gezeigt wird. Ein Experiment, sicher, aber auch ein Zeichen, den künstlerischen Nachwuchs genauso wie das junge Publikum, das Neue also, ernst zu nehmen.

„Ring: Next Generation“, Deutsche Oper, 10., 15., 20. März, Tel.: 34 38 43 43