Berlin - Seit sechs Monaten ist Peter Limbourg Intendant der Deutschen Welle mit Sitz in Bonn und Berlin. Kaum angetreten, wechselte er Schlüsselpositionen aus, seit Donnerstag gilt eine neue Organisationsstruktur ohne Doppelspitzen. Weitere Personalien stehen an. So wird DW-Sprecher Johannes Hoffmann künftig die Intendanz leiten. Im sechsten Stock des Weddinger Standorts erklärt Limbourg sein radikales Vorgehen, zeigt sich aber auch lernfähig.

Herr Limbourg, alle Achtung für das Tempo, das Sie vorlegen. Können Ihnen die Mitarbeiter noch folgen?

Die meisten verstehen, warum wir bestimmte Strukturen schnell angefasst haben. Es ist im Interesse aller Beteiligten.

Sie kommen von N24, einer Nussschale im Vergleich zum Tanker Deutschen Welle. Woran merken Sie das am meisten?

Veränderungen dauern hier länger, das liegt an den Regeln eines öffentlich-rechtlichen Apparats. Das verhindert Veränderungen nicht, verzögert sie aber. Damit muss man lernen zu arbeiten. Aber wir wollen ja auch keine Kehrtwende, sondern eine Kursänderung. Wir wollen uns dem internationalen Wettbewerb besser stellen.

Sie setzen auf englischsprachiges Nachrichtenfernsehen. Wieso begeben Sie sich in den Wettbewerb mit finanziell weit besser gestellten Kanälen wie CNN und BBC?

Täten wir das nicht, müssten wir uns irgendwann fragen lassen, warum es die Deutsche Welle überhaupt gibt. Dank Internet hat die Welt Zugang zu so vielen deutschsprachigen Informationen, dass es dafür nicht noch die Deutsche Welle braucht. Ja, der Wettbewerb unter den linearen, englischsprachigen Auslandssendern ist sehr hoch. Genau deshalb sollten wir uns da nicht heraushalten. Deutschland mit seiner Exportabhängigkeit und wertegetriebenen Außenpolitik darf sich da nicht wegducken.

Wieso fokussieren Sie sich auf lineares Fernsehen, dessen Reichweiten schrumpfen?

Wir setzen nicht nur auf lineares Fernsehen, sondern sind crossmedial. Lineares TV ist unverändert weltweit das meistgenutzte Medium, wir erreichen damit die Hälfte unserer Nutzer.

47 Millionen. Fünf Millionen erreicht DW online, 49 Millionen über das Radio.

Die Reichweiten beim linearen Fernsehen schrumpfen auf so hohem Niveau, dass es fahrlässig wäre, nicht darauf zu setzen. Im letzten Jahr lag die Sehdauer weltweit bei drei Stunden und 14 Minuten, nur drei Minuten weniger als im Vorjahr.

Warum schwenken Sie auf Nachrichten? Die BBC verabschiedet sich gerade davon.

Die BBC bleibt breaking-news-fähig. Da sind die weit vorn, anders als wir. Wovon sich die BBC verabschiedet, ist das Fernsehen der 90er-Jahre. Deshalb setzen wir auf nachrichten- und informationsorientiertes Programm, das die digitale Welt aufnimmt und ins Lineare transportiert. Es wird Programmangebote geben, die das Lineare und Digitale verbinden. Eine Redaktion mit eigenem Studio in Bonn wird unsere Themen im Netz präsentieren und dem linearen Programm Input aus dem Netz liefern. Wir gehen einen Schritt weiter als andere.

270 Millionen Euro Steuergelder bekommt die Deutsche Welle pro Jahr. Wie finanzieren Sie den Umbau?

Wir werden Mittel umschichten und zusätzliche bekommen. Was wir 2015 zusätzlich ausgeben, werden wir zunächst an anderer Stelle einsparen. Den Kassensturz werde ich erst machen können, wenn die Abgeordneten den Haushalt verabschiedet haben. Anfang Juni wissen wir mehr.

Wie viel kostet der Umbau?

Mindestens einen sehr hohen, einstelligen Millionenbetrag.

Es heißt, Sie rechnen mit einer Etaterhöhung um zehn Millionen Euro.

Nun lassen Sie uns doch abwarten. Die Politik bekundet der Deutschen Welle viel Sympathie, und ich habe in diesen ersten Monaten viel für die Deutsche Welle geworben. Ich bin zuversichtlich. Zudem habe ich den Eindruck, dass die Einsicht wächst, dass die Deutsche Welle von essenzieller Bedeutung ist, gerade wenn es darum geht, Konflikte nicht militärisch zu lösen.

Sollte die Deutsche Welle nicht in den Sprachen operieren, die von breiten Bevölkerungsschichten in den jeweiligen Ländern gesprochen werden?

Das tun wir doch.

Sie wenden sich an eine englischsprachige Elite.

Unsere Zielgruppe sind die Entscheider und Teilnehmer an der politischen Meinungsbildung. Das bezieht die Zivilgesellschaft mit ein, Studenten, Menschen, die sich engagieren, die im Konflikt sind mit den Herrschenden. Das Massenpublikum erreicht die Deutsche Welle nur in ganz wenigen Gebieten, etwa in Niger, Nigeria oder Tansania. Umso sinnvoller ist es, sich auf jene zu konzentrieren, die sich für Demokratie und Menschenrechte ganz besonders einsetzen, etwas bewegen können und sich für Deutschland interessieren.

In der Ukraine haben sich online die DW-Nutzerzahlen vervielfacht. Wie viele hätten Sie erreicht, wenn Ihr Angebot nur auf Englisch gewesen wäre?

Wir halten weiterhin 30 Sprachen im Angebot.

Einige bald nur in Form von Blogs aus Deutschland.

Die Alternative wäre gewesen, viele Sprachangebote komplett aufzugeben. Das wäre der McKinsey-Weg. Wo wir unser Angebot reduzieren, behalten wir durch die neuen Blogs zumindest den Fuß in der Tür und treten erstmals mit den Nutzern in einen Dialog. Dadurch erhalten wir unsere Regionalkompetenz und können bei Bedarf den Einsatz erhöhen.

In Afrika sitzt das Gros Ihrer Hörfunknutzer. Dort stellen Sie Bengali und das Portugiesisch-Programm komplett ein, Französisch minimieren Sie, und das, obwohl die Regierung in ihrem Afrika-Konzept vom Chancenkontinent spricht. Mosambik etwa gewinnt an Bedeutung, Englisch ist da wenig verbreitet, die Deutsche Welle fast das einzige unabhängige Informationsangebot. Kein Wunder, dass alle Seiten protestieren.

Wir sind lernfähig. Ich kann Ihnen verraten: Bengali und Portugiesisch für Afrika werden reduziert, aber nicht eingestellt, auch bei Französisch für Afrika wird die Kürzung geringer ausfallen.

Sie opfern mehrere TV-Magazine, um Geld und Sendefläche für die englischsprachigen Nachrichten zu haben. Nach welchen Kriterien? Auch nach betriebswirtschaftlichen, weil dort, wo viele freie Mitarbeiter beschäftigt sind, schnell und günstig abzuwickeln ist?

Ja, auch diese Möglichkeit machen wir uns zunutze. Das ist das Risiko von Freien, die bei uns allerdings besser abgesichert sind als bei privaten Medienunternehmen. Strategisch entscheiden wir danach, welche Formate für den internationalen Markt besonders interessant sind. Manchem fehlte es außerdem an Qualität.

Einiges wirkt chaotisch. Erst wird „PopXport“ eingestellt, nun doch nicht. Dafür kommt für „Politik direkt“ das Aus schon im Juli. Und obwohl Sie von Magazinen abrücken, geben Sie nach Ihrem Besuch in Griechenland den Start eines griechischen Magazins bekannt.

Bei „Politik direkt“ wäre es sinnlos, die Sendung nach der Sommerpause wieder hochzufahren, über „PopXport“, das stimmt, sprechen wir gerade, und beim griechischen Magazin geht es nur darum, das neue Europamagazin aus Bonn auch auf Griechisch zu produzieren. Südeuropäischen Ländern, die von der Eurokrise betroffen sind, wollen wir uns stärker zuwenden. Ansonsten gilt: Mehr Programm mit internationalem Potenzial, mehr Aktualität, weniger Magazine.

Magazine haben den Kostenvorteil, dass man sie wiederholen und in andere Sprachen adaptieren kann. Und sie punkten mit deutschen Themen aus Forschung, Umwelt, Technik, Wirtschaft und Kultur.

Wäre das so, wäre die Deutsche Welle im linearen TV irre erfolgreich. Ist sie aber nicht. Gleichzeitig hat sie den für andere Auslandssender Erfolg bringenden Informationsanteil vernachlässigt. Deshalb steuern wir um. Dabei wird uns effiziente Studiotechnik helfen und die Zusammenarbeit mit ARD und ZDF beim Programmaustausch und der Nutzung der Auslandsstudios.

Wann kommt das Aus für die eingestellten Magazine?

Das beschließen wir Ende Mai.

Die neuen englischsprachigen Nachrichten starten Anfang 2015. In welchem Umfang?

Das richtet sich danach, wie viel Geld wir bekommen. Allein durch die Umschichtungen können wir täglich acht Stunden stemmen, wollen aber mehr.

Wenn Sie Fernsehen für so wichtig halten: Wieso haben Sie alle Schlüsselpositionen, von der Programmchefin über den Nachrichtenchef bis zum Chefredakteur, mit TV-Unerfahrenen besetzt?

Ich setze auch auf Radio, Internet und soziale Netzwerke und beurteile Kollegen danach, ob sie exzellente Führungskräfte und Journalisten sind. Dazu müssen sie keinen Fernsehbeitrag schneiden können. Insofern sitzen die Richtigen an den richtigen Schlüsselpositionen.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.