Sonnabend war ein besonderer Tag. Ich habe fünf Rote Milane auf einmal gesehen. Der Vogel wird auch Gabelweihe oder Vogelweihe genannt, seine Flügelspannweite kann 180 Zentimeter betragen. Er ist gut zu erkennen an seinem gegabelten, rostroten Schwanz und zählt zu den Suchflugjägern, die in ihrem Revier systematisch nach Beute Ausschau halten. Er frisst Mäuse und Ratten, Fische und Würmer, auch Tauben und Drosseln fallen ihm zum Opfer; für Aas ist er sich genauso wenig zu schade wie für Schlachtabfälle.

Alfred Brehm, der eine nicht nur leichte Tendenz hatte, Tieren menschliche Eigenschaften unterzuschieben, urteilte über den Roten Milan fast durchweg positiv. Er würde zwar dem Gänsehirten Sorgen machen und den Jäger wegen seiner Angriffe auf junge Hasen und Rebhühner erbittern.

Trotzdem, so Brehm, gehöre er „kaum zu den schädlichen Tieren unseres Vaterlandes“. Schließlich fände er sich auch ein, wenn die Mäusepest die Felder heimsuche, um sodann „wochenlang herrlich und in Freuden“ zu leben. Leider dankt das Vaterland dem Tier seine Verdienste nicht. Der Rote Milan gehört zu den bedrohten Arten, und wenn man der Statistik glauben darf, ist er auch ein Opfer der Wiedervereinigung. In Brandenburg sind seit 1989 fünfzig Prozent des Bestandes verschwunden.

Deutsche Einheit: Bald werden im Fernsehen wieder Zeitzeugen befragt 

Ich schreibe dies in einem geduckten Haus in der Prignitz, eine Landschaft im Nordwesten Brandenburgs, die zwar mitten in Deutschland liegt, aber so menschenleer ist wie die nordamerikanische Prärie, nur unbekannter. Die Elbe trennt die Prignitz vom Wendland, den Osten vom Westen. Wenn die Einheit gefeiert wird, ziehen schon mal Fackelzüge durch die Orte am östlichen Ufer des Flusses, während sie am westlichen Ufer Anti-AKW-Fahnen häkeln.

Zwei Fähren verbinden die beiden Regionen, die so unterschiedlich sind, dass sie nur über eine Gemeinsamkeit verfügen: die Landflucht. Jedes Jahr wird es leerer in den Dörfern und ziehen die Kinder in die großen Städte und die Welt hinaus. Sonst gilt die alte Weisheit, dass größte Nähe die tiefsten Risse verursacht und kaum etwas so viele Missverständnisse verursacht wie die gemeinsame Sprache.

Im Radio ist Hans Dietrich Genscher zu hören, seine Ansprache auf dem Balkon der Prager Botschaft 1989. Wer errät, für welches Kleidungsstück Genscher berühmt war, kann eine Freikarte gewinnen. So wirft das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls seinen Schatten voraus. Bald werden sie im Fernsehen wieder Zeitzeugen befragen. Die werden schildern, wo sie waren, als die Grenze geöffnet wurde, und was sie gefühlt haben.

Wir sollten die Unterschiede, statt die Einheit feiern 

Trabbis werden in den Westen fahren und Menschen Freudentränen vergießen. Wir werden uns gegenseitig versichern, dass zusammengewachsen ist, was zusammen gehört, obwohl die Einzelteile so weit auseinandergedriftet sind, dass sich ihre Bewohner wie auf weit entfernten Eisschollen fühlen und sich gegenseitig nur noch durchs Fernglas erkennen – und auch dann nur, wenn sie gelbe Pullunder tragen.

Darum sollten wir dieses Jahr nicht die Einheit bejubeln. Besser und ehrlicher wäre es, die Unterschiede zu feiern. Deutsch sein allein genügt eben nicht, man muss auch eine Biografie haben – und wer viele ist, muss nicht alleine bleiben. Wem das zu anstrengend erscheint, kann am 9. November immer noch Vögel beobachten. Denn das ist die gute Nachricht: Noch gibt es ihn, den Roten Milan. Er fliegt sogar über Mauern.