Das sind die sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2020.
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Als Saša Stanišic vor einem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, sagte er den Gästen der Preisverleihung: „Wenn Sie mir später gratulieren, halten Sie sich bitte eine Spuckdistanz weg.“ Aufgrund eines Infekts konnte er nur dank Ibuprofen die Bühne betreten und seine Dankes- (für die Auszeichnung) und Wut- (wegen des Nobelpreises für Peter Handke) Rede halten. Spuckdistanz ist in diesem Jahr erst recht geboten. Immerhin weiß man nicht, wer das grassierende Kulturstopp-Virus alles in sich trägt. Frankfurt am Main, wo die Verleihung stattfindet, ist wie auch Berlin ein Risiko-Ballungszentrum. Deshalb wird nur ein Häuflein Leute leibhaftig vor Ort sein: die siebenköpfige Jury natürlich, und vor allem die sechs Autoren der für die Shortlist auserwählten Bücher.

Es sind vier Frauen und zwei Männer: Bov Bjerg, Thomas Hettche, Dorothee Elmiger, Deniz Ohde, Anne Weber und Christine Wunnicke. Jede und jeder von ihnen bekommt 2.500 Euro, der Sieger erhält 22.500 Euro oben drauf. Ihre sechs Bücher sind als Spitzengruppe übriggeblieben, nachdem die Jury aus Kritikern, Buchhändlern und Literaturvermittlern 206 Titel gesichtet hatte, die zwischen Oktober 2019 und September 2020 erschienen sind. Die feierliche Zeremonie der Preisverleihung wird ab 18 Uhr im Livestream zu sehen sein.

Natürlich hätten noch andere Titel aus der zwanzig Bücher umfassenden Longlist die Ehre des Scheinwerferlichts verdient, gar nicht bis dahin vorgedrungene Bücher. Aber das Jahr ist ja morgen noch nicht vorbei. Wer gern liest, soll ruhig auch darüber sprechen und andere anstiften.

Auf der Shortlist zeigen sich der Reichtum der Erzählmöglichkeiten, die Vielfalt der deutschen Verlagslandschaft und die Schönheit der Buchkunst. Bov Bjerg erzählt in „Serpentinen“ (Claassen Verlag) von einem Vater, der sich mit seinem kleinen Sohn auf eine Reise begibt. Der trägt eine familiäre Last mit sich und betrachtet besorgt das eigene Kind. Der Autor baut eine beständige Spannung auf zwischen kindlicher Unschuld und depressiver Schwere, er erschafft melancholische und hintersinnig witzige Bilder.

Thomas Hettche gibt in „Herzfaden“ (Kiepenheuer & Witsch) einem Kind sogar die Hauptrolle zwei Kindern, um genau zu sein: Ein Mädchen schlüpft nach der Vorstellung des Puppentheaters durch eine Tür und trifft dort die geschnitzten Spielfiguren lebendig an. Unter ihnen ist auch die Mitbegründerin der Augsburger Puppenkiste, deren Heranwachsen in Krieg- und Nachkriegszeit Hettche parallel erzählt. Wie die flexiblen Gelenke von Marionetten fügen sich die Erzählebenen hier zusammen und erreichen letztlich das Herz der Leser. Hettche stand bereits zweimal auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Dorothee Elmigers Roman „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser) handelt ach, vom Handeln sollte man hier nicht sprechen, denn Elmiger erzählt in immer neuen Ansätzen, in Kreisen, in Assoziationsketten, Brüchen. Und doch lässt sie Spuren folgen, die den Weg des Geldes markieren, vom ersten Lottomillionär der Schweiz zum Beispiel, von kolonialen Verbrechen, unersättlicher Wirtschaft, von Glaube und Aberglaube. Alpträume und Wachträume vereint ihr Roman auch, jede Ermüdung überwindend.

Konkret und wie eine reale Biografie erscheinen dafür die Erinnerungen der erzählenden Hauptfigur in Deniz Ohdes „Streulicht“ (Suhrkamp). Sie wächst in einem westdeutschen Industriegebiet der 1990er-Jahre auf. Ihre Eltern wünschen sich Unscheinbarkeit für sie, doch fällt sie auf, weil die Eltern aus der Türkei stammen. Höhere Bildung scheint nicht vorgesehen für das Mädchen. Und wem nichts zugetraut wird, der traut sich selbst bald nichts mehr zu. Als bester Debütroman ist „Streulicht“ am Sonntag bereits mit dem „Aspekte“-Literaturpreis ausgezeichnet worden.

Anne Weber hat sich für „Annette, ein Heldinnenepos“ (Matthes & Seitz) eine Figur aus dem Leben gewählt: Anne Beaumanoir, eine Résistance-Kämpferin und Streiterin für die algerische Befreiungsbewegung FLN. Sie lebt in Südfrankreich und wird Ende dieses Monats 97 Jahre alt. Im Stil der alten Heldengesänge, aber dennoch modern und mitreißend preist die Autorin dieses widerständige Frauenleben.

Bei der Wirklichkeit bedient hat sich auch Christine Wunnicke mit ihrem Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ (Berenberg), indem sie reale Figuren im 18. Jahrhundert zusammenführt: Ein europäischer und arabischer Gelehrter sind auf einer unwegsamen Insel gestrandet. Sie unterhalten sich mit Geschichten, reden heiter aneinander vorbei.  Zweimal war Wunnicke schon auf der Longlist. Die Kritiker-Jury der SWR-Bestenliste wählte „Die Dame mit der bemalten Hand“ nun auf Platz 1 ihrer Oktober-Empfehlungen, außerdem erhält sie den Wilhelm-Raabe-Preis. Vielleicht bringt dieser Roman der Autorin endlich den großen Erfolg. Denn, soviel ist sicher, die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis enthält eine Bestseller-Garantie.