Der Schriftsteller Thomas Hettche.
Foto: Joachim Gern

BerlinIn seinem Roman „Herzfaden“ erzählt Thomas Hettche zwar von der Augsburger Puppenkiste, aber er erzählt damit deutsche Geschichte – auf fantastische Weise. Das Buch steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der am 12. Oktober verliehen wird. Ein Mädchen von heute erfährt, umgeben von Marionetten, von dem Leben eines Mädchens und einer jungen Frau in den 1930er- bis 60er-Jahren. Es ist nicht wichtig, Jim Knopf auf der Insel mit zwei Bergen im Fernsehen gesehen zu haben, um sich von diesem Roman verzaubern zu lassen. Wie aber funktioniert dieser Zauber? Darüber sprachen wir an einem sonnigen Nachmittag auf Hettches Balkon in Berlin-Schöneberg.

Herzlichen Glückwunsch, Thomas Hettche, zur Shortlist-Nominierung! Ich gestehe, damit habe ich nicht gerechnet.

Das ist aber nicht nett!

Dann sage ich es so herum: Ich habe es der Buchpreis-Jury nicht zugetraut.

Das ist nun wiederum der Jury gegenüber nicht freundlich.

Das sind doch seriöse Kritiker, Literaturwissenschaftler und Buchhändler, die mit Erwachsenen-Dingen beschäftigt sind. Sie aber lassen in „Herzfaden“ ein zwölfjähriges Mädchen auf Marionetten treffen, die lebendig sind wie in einer Märchenwelt. Ich war fasziniert von dem Buch und sehe nun, dass ich offenbar nicht allein bin. Hatten Sie Skrupel bei der Entwicklung dieser Handlung?

Zunächst sollte es ein Buch für meine Tochter werden, die immer ein Kinderbuch von mir wollte. Leider fiel mir nie etwas ein. Bis ich auf diese Geschichte gestoßen bin. Eigentlich dachte ich, es würde ein kleines Buch werden, aber dann ist es unter der Hand immer mehr gewachsen, und irgendwann habe ich mir beim Schreiben die Frage nicht mehr gestellt, ob „Herzfaden“ ein Buch für Erwachsene oder Jugendliche ist. Bis sie in Ihrer E-Mail wieder auftauchte.

Ob ein Roman über die Augsburger Puppenkiste Erwachsene ansprechen kann.

Ja. Aber was sind denn Erwachsenenbücher, was sind Kinderbücher? Sind Märchen Geschichten für Kinder? Ich glaube nicht. An den begeisterten Reaktionen der Menschen jetzt sehe ich, dass das überhaupt keine Rolle spielt.

Die Handlung beginnt in einem Kindertheater. Das Mädchen im Zentrum geht durch eine Tür und landet wie Alice im Wunderland in einer anderen Welt. Man muss sich als Leserin, als Leser auf diesen Schritt einlassen.

Ist das nicht vor allem ein Problem intellektueller Leser? Die allermeisten Leser lieben Märchen – denken Sie nur an die Romane von George R.R. Martin, deren Verfilmung als „Game of Thrones“ wir alle atemlos gefolgt sind. Es gibt eine Sehnsucht nach Geschichten, in denen die Kausalitäten des normalen Lebens aufgelöst sind. Literatur ist zuallererst Erfindung!

Kunst hat zunächst einmal nichts mit Moral zu tun.

Thomas Hettche

Durch die Begegnung der beiden Heldinnen, dem Mädchen und der Puppenkisten-Mitbegründerin Hatü, Hannelore Oehmichen, verknüpfen Sie Gegenwart, Zeitgeschichte und Märchenhaftes. Ich finde das kühn, bewundere Ihren Mut.

Ist das mutig, ja? Solche Kategorien spielen beim Schreiben für mich keine Rolle. Ich weiß nur, jeder Stoff sucht sich seine eigene Form und seine eigene Sprache. Mich interessiert einzig, diese Sprache zu finden, denn dann beginnt die Geschichte lebendig zu werden. Ich kann immer weniger mit der Vorstellung anfangen, es gäbe so etwas wie ein „modernes“ Erzählen und etwa die großen Romane des 18. und 19. Jahrhunderts seien nicht mehr „modern“. Was soll das heißen? Die Liebesgeschichte, die Madame de La Fayette in ihrem Roman „Die Prinzessin von Clèves“ von 1678 erzählt, ist so modern, dass man sie sofort verfilmen sollte! Mich hat immer etwas anderes interessiert, nämlich Literatur, die auf zwei Arten gelesen werden kann: indem man entweder nur der Geschichte folgt oder auch den Umständen und Reflexionen, in die der Autor seine Geschichte einbettet. Literatur spricht ja den ganzen Menschen an, seinen Intellekt, aber auch und vor allem seine Seele. Man kann „Herzfaden“ lesen, ohne je von Kleists Text über das Marionettentheater gehört zu haben.

Da fallen mir die „Pfaueninsel“ mit der Liebesgeschichte vor kulturhistorischem Hintergrund ein oder „Woraus wir gemacht sind“ als Roadnovel und politischer Roman. Sie haben zwischendurch Essaybände veröffentlicht, mit denen Sie sich anderen Autoren nähern. In dem kurzen Text „Literatur und die Unendlichkeit“ schreiben Sie, im Zentrum der Literatur stand immer das Wunder, dass Worte lebendig werden können. Ist dies der entscheidende Unterschied zur Welt des Internets und der sozialen Medien?

Die sozialen Medien verführen uns dazu, permanent als moralische Personen zu agieren. Das Ergebnis ist Abgrenzung und Hass. Die Sphäre Literatur ist das Gegenteil davon, denn Kunst hat zunächst einmal nichts mit Moral zu tun. Nicht nur das Gute, auch das Böse wird in ihr lebendig, und das wiederum ist gut so, weil es im Leser und Betrachter ein Bewusstsein dafür schafft, wie weit das Feld des Menschlichen reicht. Wir nehmen Perspektiven ein, die uns fremd sind. Wir stellen uns vor, ein Mörder zu sein. Oder ein Kind, eine Frau, ein Mann, ein Tier. Fatal ist, dass die sozialen Medien diesen Freiheitsraum zunehmend kleiner werden lassen.

Weshalb?

Weil die Frage, die sie an einen Roman, an ein Bild, an einen Film stellen, meist nur lautet: Ist das Buch gut oder schlecht, und zwar im moralischen Sinne. Dient es einer, meiner Sache? Die Formatierung von Medien bedingt ihre Inhalte. Und in dem Maß, in dem unsere Debatten über Kunst in die sozialen Medien abwandern, verschwindet die Neugier gegenüber der Eigengesetzlichkeit der Kunst. Wir erleben gerade eine völlig naive Politisierung der Kunst.

Foto: Joachim Gern
Zur Person

Thomas Hettche, 1964 in Hessen als Arbeiterkind geboren, ist promovierter Literaturwissenschaftler und veröffentlichte mit „Ludwigs Tod“ 1988 seinen ersten Roman. Er lebt als Schriftsteller in Berlin, 2018 bis 2020 unterrichtete er als Honorarprofessor an der Technischen Universität im Fachbereich Literaturwissenschaft. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, so den Wilhelm-Raabe-, Hermann-Hesse und den Joseph-Breitbach-Preis. Sein Roman „Die Liebe der Väter“ stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis, Shortlist-nominiert waren bereits die Romane „Pfaueninsel“ und „Woraus wir gemacht sind“.

Dagegen bewegen Sie sich mit der Augsburger Puppenkiste in einem komplett anderen Rahmen.

Oh, sagen Sie jetzt nicht, ich sei nostalgisch! Nur weil die Puppen aus Holz sind und zu einer alten, völlig analogen Kunstform gehören. Die Vorstellung, das Analoge sei das Gestrige und das Digitale das Zukünftige, greift mir zu kurz. Das, wonach wir uns wirklich sehnen, ändert sich nicht durch die mediale Revolution, in der wir uns befinden.

Aber sind Sie vielleicht doch ein bisschen nostalgisch, was das Buch als Buch angeht? „Herzfaden“ hat diesen nachtblauen Umschlag, silberne Buchstaben auf dem Titel, die farbig gedruckten Abschnitte beginnen mit hervorgehobenem Initial. Auch die „Pfaueninsel“ und die Essaybände „Totenberg“ und „Unsere toten Herzen“ sind in Leinen gebunden.

Das ist nicht nostalgisch, das ist Avantgarde. Und zwar, weil das Buch eine heutzutage ziemlich einzigartige Erfahrung ermöglicht: mit einer imaginären Welt alleine zu sein. Wenn wir ein Buch lesen, wird nicht mitprotokolliert, wie lange wir brauchen und wo wir aufhören, keine Community gibt mir Meinungen und Kommentare vor. Beim Lesen von Büchern geht es um Privatheit und damit um einen Freiheitsraum. Und zwar zu einem ganz bestimmten Zweck.

Und welchem?

In diesem privaten Raum, der zwischen dem Buch und dem Leser entsteht, kann dieser die Erfahrung machen, dass seine Empfindungen, sein Wissen, seine Neugier die Buchstaben lebendig werden lassen, und zwar auf eine Weise, die bei jedem anders ist. Wir erfahren uns neu in Geschichten.

Das ist eine tolle Lobrede! Wenn ich je am Buch gezweifelt hätte, jetzt hätten Sie mich überzeugt. Eigentlich wollte ich nur nach der Gestaltung fragen, Ihre Bücher sehen doch nicht zufällig auch noch besonders aus.

Nein, mir ist es tatsächlich wichtig, dass meine Bücher schön sind. Dazu gehört der Leineneinband, den man gerne anfasst, dann die Qualität des Papiers, aber auch die Wahl der Schrift und der Buchsatz, also die Weise, wie die Wörter auf der Seite stehen, wie groß die Ränder sind, der Zeilenabstand, wie oft es Trennungen im Text gibt usw. Eben die alte Kunst der Setzer und Typografen.

Das Buch

„Herzfaden“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (286 S., 24 Euro), erzählt vom Entstehen der Augsburger Puppenkiste. Es ist zugleich ein vielschichtiger Roman über eine deutsche Familie, über ihr Verhältnis zu Kultur und Ideologie und auch eine Coming-of-Age-Geschichte.

Der Deutsche Buchpreis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert: Die Preisträgerin oder der Preisträger erhält 25.000 Euro, die übrigen fünf Autoren der Shortlist erhalten je 2.500 Euro. Nominiert sind außerdem die neuen Bücher von Bov Bjerg, Dorothee Elmiger, Deniz Ohde, Anne Weber, Christine Wunnicke.

Und weshalb haben Sie die beiden Ebenen des Romans in unterschiedlichen Farben drucken lassen, wie „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende?

Das Buch endet ja mit einem Besuch meiner Heldin bei Michael Ende, dessen „Jim Knopf“ die erste TV-Serie der Augsburger Puppenkiste war. Die Zweifarbigkeit ist eine kleine Hommage.

Eine andere Kunst ist Thema in Ihrem Roman, nämlich das Theater in der speziellen Form als Puppentheater. Da sind es die Menschen, die den Puppen ihre Stimme geben, sie in Bewegung bringen. Hat Sie dieser Unterschied zu Ihrer eigenen Arbeit gereizt? Oder war es Kleist, den Sie vorhin ansprachen, dessen Erzählung „Über das Marionettentheater“ man im Roman entdecken kann, aber nicht muss.

Nein, es war viel einfacher. Mein Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass nicht die Vatergeneration, also der Gründer Walter Oehmichen, wesentlich für die Puppenkiste war, wie wir sie alle kennen, sondern die Generation seiner Töchter. Das ist die Generation meiner Eltern, und ich weiß aus Erzählungen, dass diese Menschen, die ihre Kindheit im Faschismus erlebt haben, sich nach 1945 belogen und verraten fühlten, weil sie ihre kindliche Begeisterung an etwas verschwendet hatten, das sich als grundfalsch herausstellte. Durch diese Erfahrung, scheint mir, ist jene Generation ihr Leben lang davor zurückgewichen, sich noch einmal für etwas zu begeistern. Ich glaube, dass das prägend für dieses Land war.

Sie wollten ein Buch für Ihre Tochter schreiben und stoßen auf Ihre Eltern, das klingt verrückt.

Ja, aber die Eltern sind in diesem Buch Kinder. Ich war überrascht, als ich begriff, dass die Puppenkiste von damals ganz jungen Leuten gegründet wurde, die meisten waren bei der Premiere 1948 noch keine 20! Diese Teenies haben meiner Ansicht nach dafür gesorgt, dass die Puppenkiste sich mehr und mehr um aktuelle Stoffe kümmerte und auch für das brandneue Fernsehen interessierte. „Der kleine Prinz“ erschien 1950 auf Deutsch und ein Jahr später gab es die Fassung der Puppenkiste, zehn Jahre später kam „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ heraus und wieder hat die Puppenkiste den Roman sofort adaptiert, diesmal fürs Fernsehen.

Das gefällt mir sehr gut, wie selbstverständlich Sie das damals Normale erzählen, vom freudigen Blick des Mädchens auf die Hakenkreuzfahnen über die Ängste im Krieg, die Zerstörung dann und den Wiederaufbau. Bittere Tatsachen mischen sich unter den Alltag, die jüdische Nachbarin wird abgeholt, das Mädchen begreift zunehmend, was geschieht. Wie schwer war es, mit dem Leichten auch das Dunkle zu erzählen?

Natürlich habe ich sehr viel recherchiert, Gespräche geführt, Augsburg auf mich wirken lassen, viel gelesen, vor allem, wie Frauen das Kriegsende und die Nachkriegszeit erlebt haben. Es ging mir ja nicht darum, ein Märchen zu schreiben, sondern die Zeit Hannelore Oehmichens historisch so exakt wie möglich plastisch werden zu lassen. Und das Dunkle, wie Sie es nennen, spielte dabei eine große Rolle. Doch ich merkte bald, dass der Roman seinen eigenen Ton forderte, von dem ich vorhin schon sprach, und ich begann immer mehr wegzulassen. Ich habe sicher hundert Seiten gestrichen. Dafür begannen die beiden Ebenen des Romans zu verschmelzen, Märchen und Fakten spiegelten sich mehr und mehr ineinander. Leichtigkeit ist schon das passende Stichwort.

Man kann nicht über den Faschismus sprechen, ohne über Mythen und Märchen zu sprechen.

Thomas Hettche 

Das funktioniert tatsächlich. Die plötzliche Erkenntnis, warum sowohl dem Mädchen aus der Gegenwart als auch der jungen Hatü der Kasperl unheimlich ist, ist sehr bewegend. Aber mehr dürfen wir den künftigen Lesern des Buches nicht verraten.

Man kann ja nicht über den Faschismus sprechen, ohne über Mythen und Märchen zu sprechen.

Wir müssen unbedingt noch über den Titel reden. „Herzfaden“ klingt schon als Wort verzaubernd, Sie erklären ihn als die unsichtbare Verbindung zum Publikum, durch die eine Puppe lebendig wird. Vorhin sprachen wir von der Wirkung der Literatur. Gibt es da für Sie einen Unterschied?

Schwarze Buchstaben auf weißem Papier sind zunächst einmal genauso wenig lebendig wie das Stück Holz, das zur Puppe geschnitzt wurde. Die „Augsburger Puppenkiste“ ist aber für mich da insofern besonders, als ich mich noch genau erinnere, wie es als Kind war, vor dem Fernseher zu sitzen. Natürlich hat man die Fäden der Marionetten gesehen und dass ihre Gesichter regungslos waren und aus Holz und dass das Meer im Urmel nur eine blaue Plastikfolie war, aber es war egal: Alles wurde lebendig!

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.