Deutscher Fernsehpreis 2011: Das Fernsehen feiert sich selbst

Wenn das Fernsehen sich selbst feiert, kann es nie schaden, wenn jemand da ist, der sich über das Fernsehen lustig macht. Es gibt schließlich Schlimmeres, als Sinn für Selbstironie unterstellt zu bekommen. Und so sagte der Kabarettist Dieter Nuhr bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2011 in Köln den schönen Satz: „Fernsehen wird immer intelligenter – leider nur die Geräte.“

Sodann prophezeite er die Entwicklung von Fernsehern, die sich selbstständig umschalten werden, wenn sie zu dem Entschluss kommen, sich, Zitat, „so einen Scheiß“ nicht mehr antun zu wollen. Ein zweifelsfrei hübscher Gedanke, der – so im Nachhinein – gleich zwei Fragen provozierte: Was sagt die Bilanz des Deutschen Fernsehpreises 2011 über die Intelligenz des deutschen Fernsehens aus? Und hätten die intelligenten Fernseher, sofern sie schon existierten, bei der von RTL ausgerichteten Verleihungszeremonie ermattet umgeschaltet oder wären sie über die volle Distanz am Ball geblieben?

Packende Serien

Schaut man sich die Preisträger des Jahres 2011 an, drängt sich durchaus die Schlussfolgerung auf, dass es hierzulande sehr ordentliches bis sehr gutes Fernsehen gibt: aufwendig und sorgfältig recherchierte Reportagen und Dokumentationen; kluge Fernsehspiele, die sich schwierigen Themen zuwenden und auch Experimente nicht scheuen; packende Serien, die nicht auf die schnelle Befriedigung des Reiz-Reaktion-Schemas abzielen, sondern auf Substanz und herausragende Darsteller setzen.

Fündig geworden ist die Jury auf ihrer Suche nach Qualität vor allem beim Senderverbund der ARD. Auf seiner Habenseite standen am Ende des Tages elf Preise, bei RTL waren es zwei. Für Sat.1, ProSieben, Kabel eins und das ZDF blieb jeweils eine Auszeichnung übrig. Die hartnäckig vorgetragene Behauptung, bei den Urteilssprüchen der Juroren würde der Proporzgedanke eine nicht unerhebliche Rolle spielen, lässt sich damit wohl eher nicht mehr aufrechterhalten. Und nachvollziehbar waren die meisten Entscheidungen noch dazu.

Zu den Gewinnern des Abends zählte zum Beispiel die als bester Fernsehfilm ausgezeichnete Produktion „Homevideo“, die bei Arte bereits lief und am 19. Oktober auch in der ARD zu sehen sein wird: ein beklemmendes Drama über das Mobbing an Schulen und im Internet, dessen Hauptdarsteller Jonas Nay zudem den Förderpreis erhielt. Jeweils zwei Preise bekamen Anke Engelke („Beste Comedy“ für „Ladykracher“) und Stefan Raab (Publikumspreis). Das von ihnen und Judith Rakers moderierte Finale des „Eurovision Song Contest 2011“ verwies in der Rubrik „Beste Unterhaltungsshow“ unter anderem „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ auf die Plätze.

Kontroverse ums Dschungel-Camp

Dass die Dschungel-Selbsterfahrungssause überhaupt nominiert worden war, hatte vorab für manch indigniertes Kopfschütteln gesorgt. Extrem unterhaltsam war die jüngste Staffel aber wirklich, und Dieter Nuhr hatte völlig recht, als er den Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach „tiefes humanistisches Mitgefühl“ gepaart mit „konsequentem Vernichtungswillen“ attestierte. Gemeinsam hätten sie die angeblich berühmten Teilnehmer der Dschungelshow so klein gemacht, wie sie tatsächlich seien. „Wir haben die vielleicht unbekanntesten Prominenten der Welt“, konstatierte Nuhr ebenso fröhlich wie zutreffend.

Der Auftritt des Kabarettisten gehörte zu den wenigen Glanzlichtern der größtenteils quälend langweiligen Preisverleihungsprozedur. Neben ihm sorgte noch der Komiker Johann König für einige erfrischende Momente, und auch Oliver Pocher lief zur temporären Höchstform auf. Nach einem gelungenem Scherz über die nicht unkomplizierte MDR-Intendantenwahl hatte er gemutmaßt, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sei man wahrscheinlich froh, dass er nicht mehr bei ihnen, sondern wieder bei den Privaten sei. Als die ARD-Vorsitzende und WDR-Intendantin Monika Piel daraufhin demonstrativ klatschte, wünschte Pocher ihr hellwach viel Spaß bei dem „einen Jahr“ mit Thomas Gottschalk.

Am Ende, als Joachim Fuchsberger für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, bekam die Preisverleihung sogar noch eine gewisse Größe; der melancholisch-heitere Auftritt des 84-jährigen wird im Gedächtnis bleiben. Aber ansonsten? Wer es gut mit dem Moderatorenpaar Nazan Eckes und Marco Schreyl meint, wird behaupten, die beiden hätten den Preisträgern nicht die Show stehlen wollen. Einige Laudatoren wiederum waren eindeutig der Auffassung, ihre holde Anwesenheit allein genüge, Sinnvolles brauchten sie nicht zu sagen. Also taten sie es auch nicht.

Durchdacht und künstlerisch

Und sonst: Ein Einspielfilm zum Gedenken an Loriot erwies sich als beliebig zusammengeschnittene Hudelei, ein Rückblick auf die Fernsehereignisse des Jahres – eine bodenlos dämliche Mixtur aus Fukushima, Daniela Katzenberger und anderen Katastrophen – diente in erster Linie der RTL-Gruppen-Eigenwerbung. Geradezu fanatisch brachte der Kölner Sender zudem seine Moderatorin Frauke Ludowig zum Dauereinsatz. Diese verbringt offenbar größte Teile ihres Lebens in TV-Studios, um dort ihre anscheinend unverzichtbare Meinung über Gott und die Welt kundzutun. Dieses Mal äußerte sie sich unter anderem nachdenklich über die Trilogie „Dreileben“ (Preis in der Kategorie „Besondere Fiktion“). Ihre profunde Einschätzung: „Durchdacht und sehr künstlerisch.“

Wenn es ihn also nun schon gäbe, den intelligenten, selbst umschaltenden Fernseher aus der Ideenschmiede Dieter Nuhrs – hätte er diese Veranstaltung beleidigt abgewürgt? Sagen wir so: Er hätte gelegentlich hineingezappt.