Anfang Oktober 1989 hat selbst Erich Honecker eine Vision. Er gesteht seinen Genossen im Politbüro, er habe von einer besseren DDR geträumt, in der jeder gleich und frei leben könne, umgeben von Solidarität und Vertrauen statt von Mauern und Panzern. Wer sich hier noch wundert, merkt dann schnell, um welchen Honecker es hier geht: Um eine Bühnenfigur im Stück „Vorwärts immer!“, in dem ein Kollektiv noch heimlich und leise den Aufstand probt, während draußen das Volk schon lautstark durch die Straßen zieht.

Bühnenstar Otto Wolf (Jörg Schüttauf), kostümiert mit Hütchen und Hornbrille, beherrscht den fisteligen Honecker-Tonfall und wird plötzlich gezwungen, seine Rolle jenseits der Bühne zu spielen. Denn der echte Genosse Generalsekretär soll für die abendliche Leipziger Demonstration einen Schießbefehl gegeben haben. Den Befehl zurücknehmen kann nur noch einer: er, der Honecker-Imitator. Seine Theaterkollegen kutschieren ihn zum ZK, wo er das richtige Telefon und die richtigen Worte finden muss.

So schräg wie das Original

Volle 13 Jahre haben die Produzenten Philipp Weinges und Günter Knarr benötigt, um die Idee von Markus Thebe endlich ins Kino zu bringen und nun werben sie damit, ihr Film sei die schrägste Honecker-Komödie seit Honecker. Allerdings lief erst kürzlich eine Honecker-Komödie in der ARD, die mit demselben Slogan, oder besser: der Losung „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ spielte.

Zwar bleiben die Honecker-Auftritte von Uwe Steimle unerreicht. Das Fernduell der aktuellen Imitatoren gewinnt aber der aus Chemnitz stammende Jörg Schüttauf klar gegen den Dresdener Martin Brambach, der in der ARD weder in Physiognomie noch Sprache dem Original besonders nahe kam. Die Grundidee des Kinofilms ist zudem origineller als die des ARD-Films „Willkommen bei den Honeckers“, die nachspielte, wie sich ein Reporter mit falscher Legende bei den greisen Honeckers in Chile einschlich.

Wie in einem Lehrfilm

Auch der Kinofilm bietet eine Art Reporter auf. Jacob Matschenz spielt einen Mann, der gemeinsam mit der Tochter des falschen Honeckers und deren Freund die Leipziger Montagsdemonstration dokumentiert. Die jungen Helden müssen so penetrant über die DDR-Diktatur aufklären, als agierten sie in einem Lehrfilm der Bundeszentrale für politische Bildung.

Überhaupt gelingt Regisseurin Franziska Meletzky keine Komödie aus einem Guss. Wirklich köstlich sind vor allem die Auseinandersetzungen zwischen den Künstlern zur Wendezeit – hier muss sich Otto Wolf seines Rivalen Harry Stein (Devid Striesow) erwehren, der selbst den Honecker spielen will. Ebenso witzig ist Alexander Schubert als Egon-Krenz-Double. Wolfs Mission schwankt zwischen Slapstick-Klamotte, etwa wenn er im ZK minutenlang mit einem Vorhang und einer Sekretärin kämpft, und echtem Irrwitz, wenn der falsche Erich schließlich in Wandlitz auf die echte Margot (Hedi Kriegeskotte) und auf den echten Erich trifft. Jörg Schüttauf beweist, dass er in allen Genres zu Hause ist. Ob als falscher oder als echter Erich – er rettet jede Szene, immer zum Wohle des Zuschauers.

Vorwärts immer! Deutschland 2017. Regie: Franziska Meletzky, Darsteller: Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Jacob Matschenz, Devid Striesow u.a., 90 Minuten, Farbe. FSK: ab 12 Jahren