Albrecht Schuch, Charakterdarsteller
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BerlinNicht dass es große Zweifel gegeben hätte. Doch wem noch ein Beleg dafür fehlte, dass Albrecht Schuch zu den besten deutschen Schauspielern seiner Generation gehört, der kann sich am Freitagabend die Verleihung des Deutschen Filmpreises anschauen: Der 34-Jährige ist von den Mitgliedern der Deutschen Filmakademie gleich zweimal nominiert worden, für die männliche Hauptrolle in „Systemsprenger“ und als bester Nebendarsteller in „Berlin Alexanderplatz“.

Auszeichnungen, das merkt man im Gespräch mit Albrecht Schuch schnell, sind nichts, was den in Jena geborenen Sohn einer Allgemeinärztin und eines Psychiaters in seiner Arbeit als Schauspieler antreiben würde. Doch das heißt natürlich nicht, dass er sich nicht freut: „Bei beiden Filmen habe ich einen Unterschied zu anderen Projekten gemerkt, gerade was die Teamarbeit angeht. Beide Male hatte ich danach das Gefühl, dass das Ergebnis etwas sehr Besonderes werden könnte.“

Insofern sieht er auch die vielen Lola-Nominierungen für beide Filme – elf für „Berlin Alexanderplatz“, zehn für „Systemsprenger“ – als Ehrungen für das komplette Team. „Ein guter Film ist immer eine Teamleistung. Selbst jemand, der die Straße absperrt, hat etwas damit zu tun, ob der Film am Ende gelungen ist. Denn vielleicht hat er geschafft, eine nervige Fahrradfahrerin, die sich seinen Anweisungen widersetzt, doch zu besänftigen – und genau in dem Moment wurde eine wichtige Szene in den Kasten gebracht.“

Albrecht Schuch studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig und stand zu Beginn seiner Karriere unter anderem am Maxim-Gorki-Theater in Berlin sowie am Wiener Burgtheater auf der Bühne. Spätestens seit 2016 hat er das, was man einen Lauf nennt. Damals feierte Christian Schwochows Künstlerinnen-Porträt „Paula“  beim Filmfestival in Locarno Premiere und entwickelte sich zum echten Publikumserfolg, außerdem gab’s für das ebenfalls von Schwochow inszenierte Doku-Drama „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ über die NSU-Morde den Grimme-Preis.

Es folgten Fernsehfilme wie „Gladbeck“, „Der Polizist und das Mädchen“ oder die Bestseller-Verfilmung „Kruso“ – und Auszeichnungen vom Deutschen Fernsehpreis über die Goldene Kamera bis hin zum Deutschen Schauspielerpreis.

„Dass ich mir im Moment die Projekte aussuchen kann – das ist eigentlich der größte Preis für mich“, sagt Schuch mit Blick auf diese Erfolge. „Es ist ein Privileg und ein Geschenk, dass ich den Zuspruch und das Vertrauen von anderen bekomme.“ Auch aus dem Ausland treffen Casting-Einladungen ein. Dabei ist der Wahl-Berliner eigentlich niemand, der sich mit großer Aufmerksamkeit und den damit einhergehenden Erwartungen besonders wohlfühlen würde.

„Ich bin eher ein ruhigerer Mensch, der Zeit braucht, um gewisse Dinge zu durchdenken und auf sich wirken zu lassen. Um klare Gedanken zu fassen“, sagt Schuch über sich. „So funktioniert aber die Branche nicht, die so wahnsinnig schnell ist und innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen braucht. Das setzt mich manchmal unter Druck und löst eine gewisse Kurzatmigkeit aus.“

Situationen wie die auf der diesjährigen Berlinale, wo es die Weltpremiere von Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ mit den Dreharbeiten zur Adaption der „Schachnovelle“ unter einen Hut zu bringen galt, liegen ihm eher nicht.  „Ich muss mit dem Gegenüber auf Augenhöhe sein“, erklärt er. „Wenn ich mich für eine Rolle entscheide, gebe ich immer etwas von mir. Oder zumindest lasse ich sie durch mich durchlaufen. Das ist meine Stimme, mein Körper. Im Grunde mache ich mich nackt. Das muss beschützt werden durch die Person, mit der ich arbeite.“

Auch körperlich anders Die Intensität, mit der er sich seinen Rollen verschreibt, ist ihm übrigens immer wieder auch körperlich anzusehen. Der Sozialarbeiter und ehemalige Kickboxer, der sich in „Systemsprenger“ geduldig eines schwer erziehbaren Mädchens annimmt, der ehrgeizige Investmentbanker im Designeranzug in „Bad Banks“, und der ausgemergelte psychopathisch-monströse Drogengangster Reinhold in „Berlin Alexanderplatz“ – diese Rollen sind schon physisch so unterschiedlich, dass man genau hinschauen muss, um zu erkennen, dass es sich in allen Fällen um denselben Darsteller handelt.

Für Schuch selbst ist Vielseitigkeit ein entscheidender Faktor in der Rollenauswahl, seit ihm schon früh in seiner Karriere auffiel, wie häufig Schauspieler unter ihren Möglichkeiten besetzt werden: „Diese Angst, in eine Ecke gedrängt zu werden, bringt mich immer dazu, ihr entweichen zu wollen.“ Wirklich ausschlaggebend ist allerdings anderes, wie er betont: „An oberster Stelle stehen für mich die Geschichte, die Vision des Regisseurs oder der Regisseurin und die Spielpartner. Denn um eine Geschichte zu erzählen, brauchst du Leute, die eine Vision teilen. Oder Lust haben, gemeinsam eine zu kreieren.“

Und dass an solchen Mitstreitern derzeit für Schuch kein Mangel herrscht, werden auch die kommenden Monate zeigen. Mit Philipp Stölzls „Schachnovelle“, dem Biopic „Lieber Thomas“ von Andreas Kleinert über Thomas Brasch, sowie der Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ von Dominik Graf hat er jedenfalls bereits drei neue hochkarätige Filme abgedreht, die darauf warten, ihr Publikum in Kinos zu finden.