Am 24. Februar wird zum 20. Mal der Deutsche Medienpreis vergeben. Diesmal an gleich vier Persönlichkeiten aus drei Erdteilen, die „keine Schlagzeilen in den Medien gemacht haben, deren Taten aber herausragende Symbole der Menschlichkeit sind“. Einer von ihnen ist der Pastor der lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, Mitri Raheb. Und die Preisvergabe an ihn, einen scharfen Kritiker der israelischen Besatzung, sorgt zumindest für Medienwirbel. So einer sei „kein Friedensstifter“, befand die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die dem 49-Jährigen gar Rassismus und Hetze unterstellte. Andere Organisationen, darunter das Simon-Wiesenthal-Zentrum, appellierten an Altpräsident Roman Herzog, die Laudatio für den palästinensischen Theologen abzusagen.

Dabei wird Raheb geehrt wegen seines Einsatzes für die Verständigung von Christen, Juden und Moslems. „Sein Wirken ist die Alternative zu Gewalt und Radikalisierung“, heißt es in der Begründung. Mit ähnlichem Lob versehen erhielt Mitri Raheb bereits 2008 den Aachener Friedenspreis. Wie geht das mit den Vorwürfen zusammen, der Mann bediene, so der Dachverband für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, „jahrhundertealte, judenfeindliche Stereotypen palästinensisch neu“?

Herr Raheb, was sagen Sie, wenn man sie als „antisemitischen Befreiungstheologen“ hinstellt?

Das sind natürlich Verleumdungen. Diese Leute werfen mit Begriffen um sich, ohne eigentlich etwas nachweisen zu können. Sie wollen nicht sachlich diskutieren. Die meisten Vorwürfe kamen auch nicht von Juden sondern von christlichen Zionisten. Die wollen nicht, dass ein Palästinenser in Deutschland einen solchen Preis bekommt.

Verdirbt Ihnen das die Freude an der Auszeichnung?

Der Medienpreis bedeutet eine internationale Anerkennung unserer Arbeit seit 16 Jahren. Darauf sind wir stolz. Begonnen haben wir mit dem Begegnungszentrum in Bethlehem noch zu Zeiten des Osloer Friedensprozesses. Unsere Idee war, da wo Gottheit den Menschen begegnet ist, müssen sich ebenso Menschen untereinander begegnen. Deutsche, Palästinenser, Israelis. Christen, Muslime und Juden. Heute haben wir 100 Mitarbeiter, 2500 Mitglieder, die großteils Moslems sind, und 60 000 Besucher, die jährlich an unseren Veranstaltungen teilnehmen.

Was ist der Kerngedanke dabei?

Wir laden nicht nur ein paar Rabbiner, Scheichs und Theologen ein. Uns geht es darum, dass die Leute von der Straße voneinander wissen. Dass eine gemeinsame Vision für die Region entwickelt wird. Wir sagen bewusst, wir möchten Räume der Hoffnung schaffen. Es geht darum, welche Kultur in dieser Region vorherrschen wird: eine Kultur der Gewalt, der Hetze oder, was wir wollen, eine Kultur der Toleranz, der Gleichberechtigung.

Sind überhaupt noch Israelis beteiligt?

Zu unseren internationalen Konferenzen laden wir immer auch jüdische Intellektuelle oder Aktivisten ein. Letzte Woche zum Beispiel Vertreter von „who-profits“, eine Organisation, die untersucht, wer von der Besatzung profitiert. Auch ein Professor von der Ben-Gurion Universität war da. Für uns ist wichtig, dass der Nahost-Konflikt nicht als religiöser Konflikt verstanden wird, sondern als politischer. Politische Konflikte kann man lösen und daran müssen wir mit allen Beteiligten arbeiten.

Kritiker werfen Ihnen Ihre Mitwirkung am „Kairos Palästina Papier“ vor. Darin werden die Kirchen aufgefordert, aktiv Partei für die unterdrückten Palästinenser zu beziehen.

Das Kairos-Papier ist ein theologisches Dokument, um christliche Konfessionen zusammen zu bringen und mit einer Stimme zu sprechen. Der Widerstand, von dem darin die Rede ist, fußt ausdrücklich auf Glaube, Liebe und Hoffnung. Viele Kritiker haben das Papier nicht mal gelesen, ein Journalist der „Jerusalem Post“ sprach sogar vom „Kairo-Papier“.

Wo kommt der Name Kairos denn her?

Eigentlich von Südafrika. Er bedeutet „Stunde der Wahrheit“. Wir wollten damit ausdrücken, wenn die Leute wirklich Frieden für Palästina wollen, jetzt ist die Zeit. Heute gibt es Kairos-Gruppen in 16 Ländern, auch mit jüdischen Teilnehmern.

Ein Nachfolgepapier, der Bethlehem-Call, befürwortet die BDS-Kampagne (boycott, divestment, sanctions), um Israel nach südafrikanischem Vorbild zu boykottieren. In Deutschland weckt so etwas nur böse Assoziationen an den Nationalsozialismus, an Parolen wie: „Kauft nicht bei Juden“. Unterstützen Sie BDS?

Wir wollen, dass man sich von Sachen, die die Besatzung unterstützen, fernhält. Als ich in Marburg studiert habe, kam raus, dass bestimmte Deos umweltschädliches Treibgas enthalten. Also habe ich es nicht gekauft.

BDS richtet sich gegen ganz Israel, nicht nur gegen Siedlerprodukte.

Wenn man genauer liest, wird der Zusammenhang mit der Besatzung hergestellt. Ich mache einen Unterschied zwischen Israel als Staat und der israelischen Besatzung.

Die rechthaberischen Töne überwiegen aber im israelisch-palästinensischen Konflikt. Feingedrucktes ist da fehl am Platz, oder?

Ich finde, diese Polarisierung bringt überhaupt nichts. Friede kann nur funktionieren, wenn Israelis und Palästinenser davon profitieren. Und nicht, wenn die Einen gewinnen und die anderen verlieren.

Interview: Inge Günther


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