Sender wie ARD und ZDF seien bald überflüssig, tönte und höhnte Netflix-Chef Reed Hastings jüngst. In zehn Jahren würde sich nicht mehr Millionen Menschen an jedem Sonntagabend zum „Tatort“ vorm Fernseher versammeln. Damit bewies der Chef des weltweit führenden Streaming-Dienstes nicht nur ein überbordendes Selbstbewusstsein, sondern seine totale Unkenntnis des deutschen Fernsehmarktes. Die TV-Chefs waren klug genug, nicht im selben Stil zu antworten. ZDF-Intendant Thomas Bellut bezeichnete die Konkurrenz durch Netflix und Co. als „nicht furchterregend“ und betonte, dass das ZDF seit dem Start von Netflix auch Online keine Einbrüche in der Mediathek zu verzeichnen habe.

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Tatsächlich sind Online-Videotheken gar nicht die direkte Konkurrenz zu Fernsehsendern, sondern stellen vor allem für traditionelle Filmausleihen eine existenzielle Bedrohung dar. Sehr vieles von dem, was ein TV-Vollprogramm ausmacht, haben Netflix oder Watchever nicht im Angebot. Hier findet der Kunde weder aktuelle nachrichtliche Berichterstattung, Sportübertragungen, Live-Shows oder Regionales. Überhaupt ist das aus Deutschland stammende Angebot der Streaming-Dienste – das den deutschen Sendern die stärksten Quoten liefert – bislang sehr überschaubar und nicht exklusiv.
Dennoch tun Fernsehverantwortliche gut daran, auf Angebote wie Netflix zu reagieren. Zum einen könnten sie lernen, was und wie die unter 30-Jährigen schauen. Die sind vor allem bei Zuschauern öffentlich-rechtlicher Sender nur sehr schwach vertreten und wollen sich beim Gucken am Laptop nicht nach Sendeplänen richten.

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Kaum echte Serien in Deutschland

Bisher nicht über Planungen hinausgekommen ist der gemeinsame Jugendkanal von ARD und ZDF, der als Online-Angebot ohne Sendeschema konzipiert wird. Das ZDF verabschiedete sich vom Dogma, in die Mediathek nur bereits Gesendetes zu stellen. Krimiserien wie „The Team“ oder die jüngste Staffel von „Schuld“ konnten vorab online angeschaut werden, um neue Zuschauer zu locken.
Wobei gerade die Verfilmung der Fälle von Ferdinand von Schirach auf ein Problem verweist: Es gibt in Deutschland kaum echte Serien. Auch „Schuld“ hat keine durchgehende Handlung, sondern besteht aus einzelnen Fällen. Hier dienen also Netflix und Co. als Anregung: Nach jahrelangem Zögern haben die deutschen Fernsehsender eine ganze Reihe von Serien in Auftrag gegeben. So entwickelt Regisseur Tom Tykwer mit „Berlin Babylon“ für ARD und Sky eine Serie aus dem Berlin der 20er-Jahre. Die Ufa will Frank Schätzings „Breaking News“ als Serie verfilmen. Auch die Produktion von Web-Specials, als Ergänzung der Fernsehserie, dürfte von den Online-Anbietern angeregt worden sein – wie es RTL 2 mit „Berlin Tag & Nacht“ vorführt. Überschätzt wird wohl das Phänomen des „Binge Viewings“ – also des Durchguckens ganzer Staffeln am Stück. Das ähnelt dem Aufessen eines Pralinenkastens nach langer Schokoladen-Entwöhnung. Doch bald merkt man, dass der Genuss Stück für Stück lohnender ist.

Keine Sommerpause für Neues

Eine stärkere Konkurrenz als für Vollprogramme sind die Online-Anbieter dagegen für Resteverwerter-Programme. Die Praxis deutscher Fernsehsender, das Publikum den gesamten Sommer über mit Wiederholungen von Filmen abzuspeisen, wird durch Netflix stark infrage gestellt – das Netz kennt keine Sommerpause für Neues. Auch die Bezahldienste privater Sender geraten unter Druck. Wer einmal von der Frauenknastserie „Orange Is The New Black“ auf Netflix hineingezogen wurde, wird nie wieder die RTL-Pendants „Hinter Gittern“ oder „Unter Arrest“ für 99 Cent pro Folge bei RTLNow abrufen – wenn man schon für 7,99 Euro im Monat die komplette Bibliothek eines Streaming-Anbieters nutzen kann.
Allerdings hat der Netz-Abruf seine Kinderkrankheiten längst nicht überstanden. Wer abends um 20.15 Uhr nach alter Gewohnheit, eine Netflix-Folge starten will, braucht etwas Glück. Filmen, die tagsüber tadellos laufen, frieren zur Hauptsendezeit die Bilder oft ein – an den spannendsten Stellen.