Für Henri Langlois, den Gründer der Cinémathèque française war die Sache noch einfach. Die Schätze aus der Stummfilmzeit, die er in den 1930er-Jahren bei fahrenden Händlern, auf Jahrmärkten und bei den großen Filmkonzernen gesammelt hatte, lagerte er in der Badewanne seiner Mutter. Er hatte eine magische Vorstellung von der Konservierung des Filmmaterials und war überzeugt, dass er es so für alle Zeiten gerettet hatte. Heutige Filmarchivare wissen, dass ihre Arbeit nur sehr wenig mit Magie, dafür aber umso mehr mit Technik, Bürokratie und Verzweiflung zu tun hat. Sie führen einen Sisyphos-Kampf gegen das Verschwinden des Filmerbes. Es ist bedroht durch die chemische Zersetzung und den Verfall des Trägermaterials sowie durch das mangelnde Interesse von Publikum, Industrie und Politik. Letztere bewies jedoch hier zu Lande vor einigen Tagen unverhoffte Einsicht.

Im am 26. November unterzeichneten Koalitionsvertrag findet sich ein begrüßenswerter Passus: „Unser nationales Filmerbe muss dauerhaft gesichert und auch im digitalen Zeitalter sichtbar bleiben.“ Zu diesem Zweck will die Koalition insbesondere das Bundesarchiv „personell und und finanziell stärken.“ Der Vertragstext entspricht beinahe wortwörtlich einer Petition, die der Filmemacher Helmut Herbst kurz zuvor gemeinsam mit den Filmhistorikern Jeanpaul Goergen und Klaus Kreimeier verfasst hat.

Ganz neu ist den Politikern das Problem der Bewahrung natürlich nicht. Im November 2011 veranstaltete der Ausschuss Kultur und Medien des Bundestags ein öffentliches Fachgespräch zum Thema „Filmerbe – Archivierung und Digitalisierung“. Und sechs Jahre zuvor wurde bereits im Europäischen Parlament über die Herausforderungen diskutiert, die sich bei der Bewahrung des visuellen Gedächtnisses stellen. Das Dossier, das die Europäische Kommission daraufhin vorlegte, wirkt allerdings sehr fachfremd und bürokratisch. Ein intensiverer Austausch mit Archiven und Kinematheken ist deshalb dringend geboten.

Ohne Geld geht’s nicht

Angesichts des sterbenden Filmerbe-Bestands fordern die Verfasser der Petition eine zentrale Koordinierungsstelle im Verbund der deutschen Kinematheken sowie eine gesicherte und substanzielle Finanzierung der Umkopierung und Digitalisierung des alten Filmmaterials. Zu Recht verweisen sie auf das Beispiel Frankreichs, wo hierfür 400 Millionen Euro zur Verfügung gestellt wurden. In Deutschland sind es zwei Millionen. Nun lieben im Nachbarland auch Politiker das Kino. In Deutschland hingegen tut man sich traditionell schwer mit diesem Medium, das zwar ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, in der Hierarchie der Künste jedoch bislang einen der unteren Plätze einnahm. Umso überraschender ist die Einsicht, die die Koalition nun beweist.

Wie lange die mulmige Allianz von CDU und SPD Bestand haben wird, ist fraglich. Sollte sie eine Legislaturperiode überstehen, wäre das womöglich eine längere Lebensdauer, als sie digitalen Datenträgern zurzeit noch von Experten prognostiziert wird. Zwar sind die DVD und das DCP (Digital Cinema Packet) ein hervorragendes Medium, um das Filmerbe zugänglich und auswertbar zu machen. Sie erhöhen dessen Sichtbarkeit – nicht jedoch dessen Sicherung. Viele Datenträger werden zur nächsten Bundestagswahl vielleicht schon nicht mehr lesbar sein.

Eine sachgemäß – das heißt: bei niedriger Temperatur und Luftfeuchtigkeit – aufbewahrte Filmkopie hingegen hat eine Halbwertzeit, die um ein Vielfaches länger ist. Diesen „Goldstandard“ der Filmkonservierung darf die Koalition nicht aus den Augen verlieren. Eine nachhaltige Filmpflege würde auch die staatliche Unterstützung von Kopierwerken, die noch über Fachwissen im Umgang mit Zelluloid verfügen, einschließen. Das wird von Politik und Wirtschaft nicht unbedingt gewünscht; übrigens auch in Frankreich, dem Land der Seligen, nicht.