Berlin - Wenn wir eines Tages zum Beispiel das Deutsche Theater nicht mehr gebrauchen können, lässt es sich prima als Schwimmhalle benutzen. Haben alle was von. Der Bühnenbildner Jo Schramm hat den Raum für das neue Kühnel-Kuttner-Ding in blaues Licht getaucht und gekachelt. So stellt man sich ein kombinatseigenes Schwimmbad etwa in Bitterfeld vor: Schmuckelemente aus dem Zementwerk, Fliesen, die farbenfrohe Mosaiken bilden: viele abstrakte Ornamente, aber hinten lugt auch ein gigantischer Rotkopf mit Arbeiterführerblick herein.

Alles ist kundig mit einer hauchfeinen Wofasept-Rost-Fußpilz-Patina überzogen; man kann es in der Entfernung nicht sehen, aber sicher beginnt der Fugenmörtel bald zu bröckeln. Aber, aber, wer wird denn gleich wieder rummäkeln? Es handelt sich um eine Errungenschaft, die in nicht einsehbaren Bereichen auch über Porzellanwannen, Nickelduschen und Sitzbrausen verfügen soll. Errichtet wurde sie für die Arbeiter von Rodau Glas; das Unternehmen tut einiges, um die Belegschaft milde und produktiv zu stimmen.

Ja gut, es ist flach, das Wasser, kaum dreißig Zentimeter. Aber das hält Felix Goeser als Hauptheld Wilhelm Ständer nicht davon ab, auf das Eleganteste seine Bahnen zu ziehen. Wie das plätschert, schnieft, schnaubt und hallt! Wir möchten nur am Rande darauf hinweisen, dass in den Liegenschaften der BLZ-Redaktion gerade einmal eine Mitarbeiterdusche vorgehalten wird. Und Carl Sternheims schwarze Sozialdemokratie-Komödie „Tabula Rasa“ ist bereits 1916 entstanden. Sie gibt das Handlungsgerüst für diesen assoziativ herrlich aufgestapelten, zu eigenen Abschweifungen anregenden Abend.

Ernüchterung über Verkleinbürgerlichung des Proletariats

Wilhelm Ständer ist privilegierter Arbeiter, Sozialdemokrat und Anteilseigner der Fabrik. Er verdient das Achtfache von dem, was ein einfacher Arbeiter verdient, muss dafür aber viel weniger knuffen. Das liegt daran, dass er als Kunstglasbläser angestellt ist, was ein Überbleibsel aus vorindustriellen Zeiten sein muss und nichts über seine Qualifikation sagt. Es könnte sein, dass das auch der Unternehmensleitung einmal auffällt. Um sie also mit etwas anderem zu beschäftigen, fordert Ständer zum 100. Betriebsjubiläum eine Arbeiterbibliothek. „Ein Monumentalbau mit bedeutender Bücherei, mit Fonds, Bibliothekaren und Angestellten wird verlangt. Voranschlag rund eine Million.“

Um der hanebüchenen Forderung Nachdruck zu verleihen engagiert Ständer den Aufrührer Werner Sturm (Christoph Franken). Als dieser mit radikalem Schwung zu Revolution und Enteignung bläst, schickt Ständers − es ist doch auch seine Fabrik! − den opportunistischen Schwiegersohn (Daniel Hoevels) ins Rennen. Aber auch der läuft aus dem Ruder und scheint den Aufsichtsrat wegen dieser Bibliothek tatsächlich um den Finger zu wickeln, was wiederum die Dividende wegfressen würde. So bleibt Ständer nichts übrig, als seine Anteile schnell noch zu verkaufen und sich auskömmlich zur Ruhe zu setzen.

Diesem Helden der Arbeiterklasse bleiben laut einem Gesundheits-Check noch mindestens 25 rüstige Jahre. Er trennt sich von allem, „was als Menschengesetz mir hier gepredigt wird“, um sich auf das Wohl der eigenen Seele zu besinnen. Es scheint fast, als hätte Sternheim den Humor verloren und als feiere er aus Ernüchterung über die Verkleinbürgerlichung des Proletariats durch die Sozialdemokratie den Individualismus mit echtem Pathos. So grundverhasst wie Felix Goeser diese Abkehr spielt, möchte man sich fast identifizieren und ertappt sich bei einem sarkastischen Bedauern über die beträchtliche Spanne, die einem noch mitzutanzen bleibt bis zum Vorruhestand.

Mit hingebrettertem Stand-up-Suada

Für Kuttner und Kühnel ist die Karriere der Sozialdemokratie von der revolutionären Bewegung zur parlamentarischen Partei ein Niedergang. Machtkorrumpiert und angetrieben von der Furcht als vaterlandslose Gesellen dazustehen, stimmte die Fraktion im Sommer 1914 für die Kriegskredite − und zwar keine Woche, nachdem sie „flammenden Protest gegen das verbrecherische Treiben der Kriegshetzer“ erhoben hatte (Sebastian Haffner im Programmheft).

Und Kuttner, der seine Inszenierungen wie stets mit einer höchstpersönlich hingebretterten Stand-up-Suada schmückt, führt als ästhetisches Gleichnis der grassierenden Versozialdemokratisierung ein Video vor: die gnadenlose Verhunzung des Black-Sabbath-Klassikers „Paranoid“ durch die deutsche Version „Der Hund von Baskerville“, dargeboten von Cindy und Bert. Die ruckartige Mimik des Letzteren, so vermutet Kuttner, werde von Moskau aus mit einem alten, noch nicht stufenlos verstellbaren Modelleisenbahntransformator gesteuert.

Was gibt’s noch? Zum Beispiel den „Chor der Freischwimmer der Glaswerke Rodau“, der mit marthaleresker Mattigkeit unter der Leitung von Michael Letz (E-Piano, Anglerhut) zart-resignatives Bademantel-Arbeiterliedgut darbietet. Eine knall-komische Probe zu Wagners „Ring“, einstudiert zum Betriebsjubiläum von Daniel Hoevels, der bei aller Emphase nie nie nie vergisst, den Stolz auf seinen splissigen Mittelscheitel und seine Karottenmarmorjeans mitzuspielen.

Hübsch aber auch die Anteilnahme des Kollektivs beim Fernsehen: Gesendet wird das Schicksal eines erblindeten, bettlägerigen Revolutionärs, der eine verspätete Liebeserklärung abgibt, seine Erlebnisse in einem sozialistisch-realistischen Erbauungsroman schildert und dann das Manuskript verliert. Richtig: Das ist Pawel Kortschagin aus Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“. Auch so ein Arbeiterheld.

Tabula rasa 12., 20., 25. 9.; 9., 14. 10. Deutsches Theater, Tel.: 28441225