Den Haaren nach gehören diese Wesen zu den Teufeln, die Gewänder stünden Gespenstern gut. Aber die Augen! Menschenaugen, unbestreitbar. Zuckrig sind die Blicke, dann wieder zornesvoll, mal leidend, mal lockend. Man sieht: Mischmenschen wie alle Menschen sind, Himmelhöllische. Man sieht sie an diesem Abend in fünferlei Gestalt, alle mit knallroten Perücken und tiefschwarzen Umhängen, alle unergründlich.

Verwundert es, dass sie allesamt an die Sängerin, Schauspielerin und Komponistin Stefani Joanne Angelina Germanotta erinnern, besser bekannt unter dem Namen Lady Gaga? Sie ist die perfekt gewordene Schwellenbewohnerin, Show-Girl und Lebenskünstlerin im Zwischenreich von Fiktion und Alltäglichkeit. An diesem anderthalbstündigen Abend am Deutschen Theater wird sie zudem zur Gerechtigkeitsfurie, zur Schicksalsgöttin, die aus persönlichem Leid an der Welt Rache nimmt – und bleibt dabei, was ihre literarische Vorlage ist: eine Statthalterin des Parabelhaften. Lady Gaga als Gleichnis auf eine Welt im Zustand der Ungreifbarkeit.

Das mag jene verwundern, die zwischen den Bühnen- und Pop-Welten Unterschiede der Welt- und Menschenanschauung vermuten, die für was auch immer die Differenzen zwischen Oben- und Unten-Kulturen brauchen. Sie sind längst hinfällig, was einer einfachen, aber offenbar schwer zu begreifenden Einsicht Platz macht: Wir leben in einer Welt, die einheitlichen Gesetzen folgt, womöglich nur einem einzigen, dem der Eigennutzmaximierung. Das war die Provokation von Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“, uraufgeführt vor 59 Jahren, die ihre Kraft bis heute behalten hat.

Matthes spielt, als hieße die Inszenierung heimlich „Der Besuch des Ulrich M.“

Denn Dürrenmatt lässt nicht nur die superreiche Claire Zachanassian in ihr Heimatstädtchen Güllen kommen, um sich an ihrem einstigen Geliebten Alfred Ill zu rächen; er verwickelt auch nicht nur die verarmte Stadt samt ihre geldbegierigen Einwohner in einen moralischen Konflikt, indem sie Reichtum für den Mord an Ill verspricht. Er lässt in gnadenloser Maschinenhaftigkeit ein Drama abschnurren, das die Labilität moralischer Prinzipien demonstriert: Ill wird ermordet, das Geld triumphiert. Provokant, nämlich zum Einspruch aufregend ist Dürrenmatts damit behauptete Naturnotwendigkeit: Es gibt keine Alternative. Wo auch immer die Moral mit dem Markt konkurriert, gewinnt das Gewinnstreben gegen die Menschlichkeit. Stimmt das?

Der junge Theaterschaffensmann Bastian Kraft gibt in seiner Inszenierung keine Antwort darauf, aber Hinweise. Indem er Claire in Lady-Gaga-Gewändern auftreten (Kostüme: Dagmar Bald), auch ihre Songs singen lässt, indem er Claire verfünffacht und Alfred Ill als Einzelmann zum Zwangsverlierer macht, was Ulrich Matthes, wie so oft, dankbar als Auftrag nimmt, sein eigenes Theater zu spielen, sich in eine Tragödie hineinzudeklamieren, die jedes Wort und jede Geste zur Monstranz des eigenen Spiel- und Sprechvermögens erhebt, dass man mitunter meint, diese Inszenierung heiße heimlich „Der Besuch des Ulrich M.“; indem Kraft sonst jedoch den Abend wie einen gleichermaßen von Brecht und Robert Wilson herkommenden Show-Act aussehen lässt, die Vorlage stark einstreicht und gänzlich auf den Urkonflikt Reichtum gegen Moral reduziert; indem er also seine Figuren von jeglichem Seelenfleisch entkleidet, erfindet er ein Lehr- und Singspiel: Sehet und höret, dies ist der Mensch, ein Mischwesen, geschaffen aus unvereinbaren Gegensätzen, hineingestellt in nicht zu lösende Konflikte.

So allumfassend, so wenig aktualitätskonkret ist dieser Abend. Er legt uns den Gedanken nahe, dass die Gegenüberstellung von Gewinn- und Gerechtigkeitsstreben notwendig in die Irre führt, weil hier Unvergleichbares verglichen wird. Was will dieser Abend damit?

„Nicht die Kunst verändert die Welt, die Welt verändert die Kunst“, hat Dürrenmatt gesagt. Das glaubt ihm diese Inszenierung aufs Wort. Denn dass es Künstler wie Lady Gaga und Inszenierungen mit Gaga-Anleihen gibt, soll auf eine Welt weisen, die keine sicheren Häfen mehr kennt. Weder in Kunst-, noch in Moral- und Geldfragen sind feste Urteils- und Handlungsrichtlinien auszumachen. Bastian Kraft will, dass wir auch dies als Provokation erfahren.

Der Besuch der alten Dame, 21., 29.4., 6.5.2014, Deutsches Theater, Tel.: 2844-1221