„Play Strindberg“ mit (v. l. n. r.) Manuel Harder, Ulrich Matthes und Sophie Rois.
Foto: Arno Declair

BerlinAls Mutter aller Ehehöllentragödien lagert Strindbergs „Totentanz“ nun schon seit 120 Jahren in den Annalen der Theaterliteratur. Kein Ehekrieg auf der Bühne oder der Leinwand kam seitdem an der Radikalität der todessüchtigen Höllenhunde Alice und Edgar vorbei, auch wenn sich das Folterrad ihrer gegenseitigen Beißreflexe über 130 endlose Reclamseiten dreht und heute arg verbissen wirkt.

Das pure Entsetzen darüber, dass man dieses Stück immer noch spielen will, sprang Friedrich Dürrenmatt vor fünfzig Jahren schon so hart an, dass er, frischgebackener Mitdirektor des Baseler Theaters und erklärter Feind des ewigen Klassikerrepertoires, kurzerhand den Rotstift nahm und radikal durch den Text fräste. Kompromisslos schnipselte er aus der verschwurbelten Ehetragödie eine kurzsilbige Ringkampfkomödie, eine grotesk stilisierte Szenenfolge in „12 Runden“, die den „Totentanz“ zu „Play Strindberg“ verknappte und wieder halbwegs spielbar machte.

Eigentlich keine unwitzige Idee des Deutschen Theaters, die kleine Ehedrama-Groteske gerade auch in MeToo-Zeiten wieder auszugraben und mit den gestählten Bühnenrecken Ulrich Matthes und Sophie Rois zu besetzen. Als maximal polarisierendes Bühnenpaar gäben sie an sich schon das richtige Hass-Duo Edgar und Alice ab und zögen durch ihre konträren Spielweisen und Persönlichkeiten dem Abend Doppelböden ein, die weit über das Stück hinauswiesen. Matthes’ geschmeidiges Figurenspiel gegen Rois’ kratzbürstige Charakterassemblagen, Tyrann gegen Megäre. Aber gespielt wurde dann doch nicht, oder nur ein bisschen, denn „Play Strindberg“ schaffte es nur als „szenische Lesung“ in den Spielplan des Deutschen Theaters. Warum das so ist, bleibt das Geheimnis des Hauses. Corona ist jedenfalls nicht schuld.

Die Schauspieler selbst an ihren Lesetischen längs der Rampe machen, wie nicht anders zu erwarten, das möglichst Rundeste aus dem Halben. Ulrich Matthes in Hauptmannsuniform kaut das Brathühnchen so genüsslich-sadistisch aus und lässt sich den Whiskey so langsam die Gurgel runtergleiten, dass es schon beim Zusehen schmerzt. Sophie Rois sitzt mit grotesk aufgedunsenen Schulterpolstern im schwarzen Vamp-Kleid versteinert finster daneben und tötet schon mit ihrem Blick alles, was vor ihr durch die Luft fliegt. Launisch wechselt sie, die ehemalige Schauspielerin Alice, ihre Tonfälle wie es beliebt – von der Furie zum Milchmädchen, was überhaupt das Richtigste ist, denn falsch gespielt wird hier ja durchweg. Ein Dritter kommt hinzu, Manuel Harder als Vetter Kurt und Energieschub für die Kampfhähne. Alles edel gemacht für eine Lesung, trotzdem viel zu wenig für das Deutsche Theater.

Play Strindberg 14. 9., 5., 7., 21. 10., Deutsches Theater, Karten und Anfangszeiten unter Tel.: 28441225