Deutsches Theater: Gedanken einer Untoten

Berlin, Kammerspiele des Deutschen Theaters: Da macht Ismene nach tausenden von Jahren, die sie untot und mit sich allein, ein paar in der Ferne heulenden Hunden und lästigen Stechfliegen verbracht hat, den Mund auf und ist immer noch schwerstens gekränkt und in der Selbstreflexion kein Stück weiter gekommen.

Ist ja auch hart: Sophokles hat sie wortlos aus der Tragödie fallen lassen. Das Metzler-Lexikon der Antike führt sie als ihrer Schwester Antigone gegenüber gestellten „Durchschnittsmenschen“. Immerhin gibt es im Louvre eine korinthische Amphore, auf der Ismene vorkommt: Da wird sie von dem Menschenhirnschlürfer Tydeus, einem Krieger, der mit Polyneikes gegen Theben zog, umgebracht, während ihr Liebhaber, der thebanische Held Periklymenos, nackt das Weite sucht.

Die Geschichte ist nicht sehr rühmlich, dennoch gönnt sie Sophokles Ismene nicht. Er lässt sie am Leben, um einen Ansprechpartner für Antigone zu haben, ein möglichst eigenschaftsloses Kontrastmittel, das man nach Gebrauch vergisst. Bis, Jahrtausende später, die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans (mit dem Erfolgsstück „Gift“ im DT-Spielplan) sich ihrer erinnert und den Durchschnittsmenschenmonolog „Ismene, Schwester von“ schrieb. So eine vergessene Antiheldin müsste für uns postheldischen spätbürgerlichen Zuschauer doch eine passende Identifikationsfigur sein.

Offenbar nichts Erwähnenswertes

Stephan Kimmig hat Regie geführt. Susanne Wolff ist die schön- und junggesichtige, aber grauhaarige, in zu große Straflagerkluft gesteckte Ismene. Sie kriecht durch ein Loch im Eisernen Vorhang auf einen sargförmigen Steg und versucht, ihr stolzes hohes unnahbares Wolff-Wesen ein wenig zu verdurchschnittlichen. Aber dann lässt sie einen Funken Zorn blitzen oder eine Abgrundfalltür aufklappen ? und es faucht uns eine Kühle an, die von derart allumfassender Allgemeinbedeutung ist, dass man als Durchschnittsmensch überfordert ist und angststarr ermüdet.

So wie sich Wolff vergeblich zum Durchschnitt herabzubeugen versucht, so versucht sich der Text zu erheben: über seine Banalität, mit der er wieder nur die Geschichte der Schwester von Ismene nachplappert, weil es über Ismene ? also über uns Heutige ? offenbar nichts Erwähnenswertes zu erzählen gibt. Auch schlimm.

Vorstellungen 27.3.; 4., 17.4., in den DT-Kammerspielen, Tel.: 28441225