Der besorgte Hinweis am Einlass ist nicht nötig. Ja, es wird laut geschossen, dichten Nebel gibt es, auf die Zuschauer fallen Plastikschneeschnipsel, dunkel ist es mitunter. Auch Nackte sind zu sehen. Aber die Überrumpelung, womöglich Überforderung der Sinne ist mehr von anderer Seite zu fürchten.

Dieser Abend stürzt sich kopfüber in den Strudel des Geschehens, lässt sich hin- und herwerfen wie ein Halm im Sturm, wirft sich rücksichtslos den Figuren an den Hals und findet sich stets derart tief in die erzählte Geschichte verwickelt, dass dieser Inszenierung weder Drauf- noch Seitenblicke gewährt werden. Denn es geht ihr um alles, und alles, das ist: Leben, Tod und Liebe vor allem, aber auch das Recht auf Widerstand, die Rebellion, die Zukunft des gesellschaftlichen Miteinanders. Es ist dies ein unerhört ehrlicher, vielleicht naiver, seltsam berührend schutzloser Abend. Er stellt die Frage nach dem Sinn, dem Wozu und Wohin. Heute ist diese Frage etwas peinlich, als gehörte sie unter Erwachsenen nicht mehr erörtert. Dass der Abend sie dennoch stellt, spricht für ihn.

Nackte im Totenreich

Die 1982 geborene Regisseurin Jette Steckel hat Jean-Paul Sartres vor 71 Jahren verfasstes Drehbuch „Das Spiel ist aus“ inszeniert. Es beginnt mit einem Film, man sieht, wie ein Mann erschossen und eine Frau vergiftet wird. Ein schöner Film von Alexander Bunge, mit hoher suggestiver Kraft. Danach ist es dunkel, das Publikum sitzt auf der Drehbühne.

Licht an, zwei Nackte zwischen den leeren Zuschauerreihen. Die Frau, der Mann im Reich der Toten. Sie schauen auf ihr Leben zurück, er auf sein Dasein als (terroristischer) Verschwörer wider die Herrscher, sie als Ehegattin eines Machtmitspielers. Sie lernen sich lieben, stehen im nebeligen Gegenlicht, umarmen, umgarnen sich, staunen über die Lebenden und Toten – und dürfen abermals auf die Erde zurück. Auf dass sie eine zweite Chance erhalten. Aber es gibt keinen Neuanfang ohne die Schatten des Gewesenen.

Judith Hofmann spielt mit ihrer Halskette, die Blicke sind abgehackt, die Sätze klingen, als müssten sie sich von kratzigem Gestrüpp befreien; Ole Lagerpusch kann seinen Silben ein samtiges Bett aufschütteln und sie unvermittelt hart herausfallen, wütend auf den Boden schlagen, zerplatzen lassen. Ein wunderbar ungleiches Paar, das derselben Sehnsucht verfallen ist, dem Wunsch nach Erlösung, nach Sinn, nach Geschichte, die mehr ist als die Aufschichtung von Szenen. Sie werden ihre Chance verspielen und, anders als bei Sartre, am Ende stumm, erschöpft, ratlos vor ihrem verpufften Leben hocken. Blick, Black, das Spiel ist aus, nicht nur die Liebe, auch alles Rebellieren und Arbeiten am Anderssein, jeder Glaube an die Änderbarkeit der großen und kleinen Welt. Schade.

Mag sein, dass es gemütlicher hat, wer von diesem verspielten Lebensliebesglück unberührt bleibt, wer gänzlich unbeleckt vom Wunsch nach Weltabänderung und losgelöst von jedem utopischen Hoffnungsschimmer ist. Für derlei Artgenossen wird dieser Abend nah an der Kitschkante genäht sein.

Ausbruch aus dem Gefängnis der Vorläufigkeit

Dass er zudem mit viel Aha und Pomp am Effektrad dreht, wird so gesehen unter die Rubrik bloßer Beeindruckung fallen. Es ist ja auch wirklich hemmungsfreies Emo-Shooting-Theater. Aber es ist auch ein Spiel mit den Effekten, das die Bühne wie eine große, bestaunenswerte Wundertüte behandelt, immer in der hehren Hoffnung, etwas zu fassen zu bekommen, mit dem sich das Spiel zur Wirklichkeit erlösen lasse. Immer unter dem seelenernsten Vorzeichen, dass die Sinn-Frage längst nicht beantwortet ist, auch wenn alle Welt so tut.

Judith Hofmann, Ole Lagerpusch, Elias Arens, Natali Seelig, Alexander Khuon, Barbara Heynen – sie strampeln gegen die Grenzen ihrer Figuren, suchen den Ausbruch aus dem Gefängnis der Vorläufigkeit, wollen wissen, was es hieße, ernst zu machen. Aber ernst womit? Mit dem eigenen Leben? Mit Politik? Mit den Ansprüchen der Gerechtigkeit, oder der Menschlichkeit?

Jean-Paul Sartre hat gesagt, mit dem Jenseits habe er nach diesem Stück abgeschlossen. Aber ich nicht!, ruft Steckels Abend anderthalb Stunden ins Publikum, nicht mit dem Jenseits, nicht mit dieser Welt, nicht mit Liebe, Tod und Leben. Eine Inszenierung wie ein Schrei: Man wird doch bitte wenigstens noch hoffen dürfen!

Das Spiel ist aus, 6., 8., 12. April, Deutsches Theater, Karten: 28 44 12 21.