Es begann vor zwei Wochen mit einer Eröffnungsproduktion, die die große Bühne des Deutschen Theaters auf Rappelkistenformat kleinschrumpfte, am vergangenen Wochenende nun endete es, indem sich die Kammerspiele plötzlich zur ganz großen Weltscheibe ausdehnten. Keine schlechte Entwicklung der Autorentheatertage, möchte man meinen. Sowie es überhaupt in den elf Gastspiele und drei Uraufführungen in diesem Jahr auffällig ins Große und Grundsätzliche strebte. Nicht die kleinteilig politischen, sondern die ausschweifenden Gretchenfragen geisterten über alle Vor- und Hinterbühnen, weshalb man am Ende durchaus froh war, als der geistreiche Nonsenstext „Gespräch wegen der Kürbisse“ nicht mehr fragte: Wie hältst du’s mit der Religion oder mit deiner Angst vor dem Tod?, sondern einfach: Wie hältst du’s mit diesem verkorksten Leben?

Doppelt interessant

Wenn eine solche Frage dann auch noch in ein Café auf die Erdumlaufbahn verlegt wird oder zumindest in ein Planetarium, wie Tom Kühnel in seiner Uraufführung andeutet, dann ist das gleich doppelt interessant. Die Drehbühne jedenfalls, auf der die beiden Freundinnen Anna und Elisabeth zum Plausch und Zickenkrieg sitzen, dreht sich mit den beiden und einem wunderschönen Teleskop, das mal wie ein Satellit, mal wie Urinsekt aussieht, um die Achse und auch wir im Kreis drumherum fühlen uns, als wären wir hier der Mittelpunkt des Universums.

Aber was ist man anderes in einer konzentrierten Theaterstunde? Und trotzdem wäre es falsch zu behaupten, dieses 60-minütige Kürbis-Gespräch von Jakob Nolte wäre nun der große Wurf. Nein, auch dieser Text ist wie die beiden anderen, von der DT-Festivaljury mit einer Inszenierung prämierten, in erster Linie ein Schreibversuch. Dennoch muss man sich über diesen kleinen, fiesen Dialog des 28-Jährigen freuen, der als Teil des Autorenduos „Nolte Decar“ bereits 2015 bei den Autorentheatertagen war. Sein real-surrealer Kürbis-Plausch pfeift durch den Wind wie Meeresrauschen: Die Sätze rollen heran, verebben und kehren mit denselben Worten, aber minimalen Bedeutungsverschiebungen wieder.

Worum geht es? Anna erzählt von ihrem Urlaub an der Ägäis, vielleicht auch der Adria, wo sie am Strand etwas Schönes sah: Ausgehöhlte Kürbisse hingen dort und hätten wie Glocken geläutet. Kürbisse wie Glocken? Elisabeth, die Wissenschaftlerin, wird skeptisch und langsam schieben sich kleine Lügen und große Abrechnungswünsche, private Ängste und aktuelle, politische Tragödien ineinander, enthüllen und verhüllen. Irrsinn und Sachlichkeit zeichnen ihre flirrenden Alltagsbeschreibungen, doch so schwebend sich dieser eigenkörperliche Redefluss liest, so schwierig ist er zu verkörpern, erst recht, wenn so starke Charaktere wie Natali Seelig und Maren Eggert das tun. Denn Sätze nur an- und abrollen zu lassen, ist ihre Sache nicht. Sie spielen und psychologisieren, was aus dem rhetorischen Rauschen eine etwas zu fleischliche Konversationskomödie macht.

Dass es nicht einfach ist, die ehrgeizige Multistilistik, mit der sich die jungen Stückeschreiber hier empfohlen haben, auf die Bühne zu bringen, zeigt „Das Gelübde“ des Schweizers Dominik Busch. Lily Sykes hat es mit vier Chor-Spielern vom Schauspielhaus Zürich auf hohlem Flugzeuggerüst in Sprechrhythmen gebracht. Anders als Nolte versucht Busch stilistisch so ziemlich alles auf 70 Seiten zu zwängen, was geht: Ein Erzähler, der seine Sprache wie eine Lupe vor sich herträgt, während er zugleich am Dialog teilnimmt, und Situationsbeschreibungen im Protokollstil macht.

Wie schon in dem Eröffnungsstück „Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach geht es auch hier um den nahen Tod. Nur ist Tim nicht sterbenskrank, er sitzt auf dem Heimweg von Afrika nach Mitteleuropa in einem abstürzenden Flugzeug und legt ein Versprechen ab: Überlebt er, wird er für immer als Arzt nach Afrika gehen. Er überlebt. Was Busch nun versucht ist, mit detaillierten Beschreibungen des Absturzes, seiner Vorgeschichte und Nachwirkung auch die Verfestigung dieses Versprechens gegen alle Lebensbindungen zu erklären. Die Krux: Zugleich verweigert er jede Erklärung. Alles bleibt reine Situationsbeschreibung: inhaltlich leer. Genau das ist die Schwäche des „Gelübdes“. Eine artifizielle Hülle, die sich immer religiöser gibt.

Einfach weglachen

Das Religiöse aber zu erklären, war sympathisches Anliegen zweier Gastspiele aus Köln: Die arg schwankhafte Verwechslungskomödie „Stirb bevor du stirbst“ des jungen Syrers Ibrahim Amir versuchte, hiesige Islam-Dschihad-Klischees einfach wegzulachen, während Nuran David Calis' Recherche „Glaubenskämpfer“ ernste Aufklärung betreibt. Schauspieler und Laien, darunter eine Nonne, ein Jude, drei Moslems, versuchen, in offenen Gesprächen voneinander zu lernen, Konflikte zur Sprache zu bringen. Und auch wenn das in weiten Teilen nur Kindergottesdienst imitiert, entspinnt sich irgendwann in diesen drei Stunden auch die leise Erzählung von Avraham Applestein. Er spricht von seiner Familie, von Auschwitz und wie er, der Zweifler, bei einem Besuch dort am Vernichtungsort seiner Eltern, plötzlich von etwas überflutet wurde, das er nicht anders als die Gewissheit Gottes nennen kann. Er predigt nicht, er erzählt einfach und persönlich. Und man ist erschüttert wie nie.