Alexander Khuon und Natali Seelig mit Totenkopf und Pilzhut, beide als Präzisa.
Foto: Arno Declair

BerlinDie Kunst gab noch immer eines der liebsten Sujets für die Kunst selbst ab. 1994 schickte die Dramatikerin Yasmina Reza drei befreundete Männer auf die Bretter, die die ach so komische Welt bedeuten. Einer von ihnen hatte gerade ein komplett weißes Bild für 200 000 Francs erworben und nun stritten sie über Sinn und Unsinn dieser Anschaffung. „Kunst“ heißt der Welterfolg.

In Thomas Melles „Ode“ wird eine Skulptur enthüllt. Und diese zeigt: nichts, Leere. Was wiederum die Reaktionen der Betrachter reizen soll – und diese sind weit entfernt von dem liebenswerten Kunstdiskursgeplänkel bei Reza. Zumal die unsichtbare Skulptur einen provokanten Titel trägt – aber davon gleich.

„Hassrede gemeldet“

Die Zeiten sind rauer geworden. Nachdem die Experimente der Avantgarde in den 90er-Jahren schon zum Salonwitz verkamen, stößt Kunst wieder auf Widerstände: Wer darf welche Personengruppen auf der Bühne darstellen? Was tun mit kolonialistischen Denkfiguren und diskriminierendem Zeichengebrauch? Wie sind Geschlechterrollen repräsentiert? In solchen Fragen steht die Kunst im Brennpunkt politischer Debatten, die über die sozialen Medien ungekannte basisdemokratische Wucht entfalten. „Hassrede gemeldet“, heißt es leitmotivisch bei Melle, der all diese Ansprüche und Einsprüche gegen die Kunst in seinem Text aufgreift, durchrüttelt und uns vor die Füße wirft.

„Ode an die alten Täter“ nennt die Kunstprofessorin Anne Fratzer ihre unsichtbare Skulptur und will damit die Nazis loben, weil diese ihren Großvater, der ein „Säufer, Kokainist, Vergewaltiger, Kinderschänder und Mörder“ gewesen sei, umbrachten. Der Shitstorm ist unvermeidlich. Ein Chor der Öffentlichkeit nimmt Fratzer auseinander, sie verliert ihre Stelle, bald auch ihr Leben. Einige Jahre später greift ein Theatermacher namens Orlando den Fall auf und gerät in besagte Repräsentationszwickmühlen. Während um die Kunst herum langsam eine diktatorische Masse – „die Wehr“ – erstarkt.

Mit Verweis auf Bertolt Brecht

Melle, der sich mit dem autobiografischen Krankenbericht „Welt im Rücken“ in die erste Riege der Gegenwartsliteraten geschrieben hat, legt sein neues Stück flächig an. Die Stimmen der Akteure werden gegen einen Chor geschnitten (der Verweis auf Brechts Fragment „Fatzer“ in der Namensähnlichkeit deutet die Lehrstücktradition an). Szenisch steckt wenig drin, dafür umso mehr kunstgeschichtliche Anspielungen und hämmernde aktivistische Kritik, alles grell gezeichnet und in bissige Tiraden gegossen.

Wobei der gute Drive nicht ganz verdeckt, dass die Pointe früh ausgespielt ist: Wer die Freiheit der Kunst – egal ob von links oder rechts – beschneiden will, schaufelt der liberalen Gesellschaft ihr Grab. Melle hat geradezu ein Thesenstück wider die Identitätspolitik in der Kunst verfasst, das sich blind macht für alle Kontexte gegenwärtiger Kritik und aus dieser Unschärfe selbst seine Provokation bezieht.

Die Wucht des Textes

Lilja Rupprecht geht bei der Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit einem Feuerwerk aus Stimmungs- und Bildwechseln, Live-Elektromusik, Solo- und Gruppenpartien zu Werke. Wie Ritter der Kokosnuss im Vollstrick-Outfit (Kostüm-Furor von Christina Schmitt) drängen die Spieler in ein weißes museumsgleiches Halbrund, das als Projektionsfläche von Videoschnipseln und später als Leinwand für infantile Zeichnungen à la Jonathan Meese herhält.

Aus dem agilen, gut choreographierten Chor der Fünf (neben den DT-Spielern Katrin Wichmann, Manuel Harder, Alexander Khuon und Natali Seelig sind die Ramba-Zamba-Spieler Juliana Götze und Jonas Sippel mit Schalk im Nacken dabei) treten die Einzelsprecher heraus: Wichmann als schwer mürbe zu kriegende Fratzer. Ein großes Solo gönnt sich Manuel Harder als Orlando, wenn er an den „restriktiven Arschlöchern überall“ leidet, mit Tomaten beworfen wird, sich mit den Tomaten blendet, über die Bühne taumelt, wütet, ätzt. Da kommt die Wucht des Textes durch. Später erstarrt der Abend. Die Wehr installiert eine neue Diktatur, und Natali Seelig resümiert: „Ein alter Terror hat gewonnen, er kam von allen Seiten“.

Ode 27.12., 19.30 Uhr; 8., 21.1., 20 Uhr, Deutsches Theater, Kammerspiele, Karten unter Tel.: 28441225 oder online: deutschestheater.de