Melissa kriegt alles von René Pollesch.
Foto: DT/Arno Declair

Ein wirklich denkwürdiger Abend eröffnete am Sonnabend nun auch die luftig Platz dezimierte Saison im Deutschen Theater (DT). René Pollesch stand auf dem Programm, und man hätte schwören können, dass er zur gedämpften Corona-Stimmung ein schwungvolles Kurzspektakel seines theater-revolutionären Witzes veranstalten würde. Dann aber hörte man eine so traurig-ernste Kathrin Angerer am Ende vom Verschwinden sprechen, davon, dass es besser ist, so zu tun, als wäre das, was man liebt und nicht haben kann, nie da gewesen, anstatt es ständig zu vermissen oder es durch Worte nur zu ersetzten. Man sieht sie zu tragischer Filmmusik dann die weiße Brecht-Gardine zuziehen – die leere Brandmauer dahinter erscheint noch weißer und kälter als sonst – und man muss schon zweimal schlucken. Um nicht unterzugehen, flüstert sie weiter, muss das Geliebte erst ganz untergehen, auch wir selbst. Und Aus.

Doch ja, es ist ernster, nüchterner, was die Polleschianer Martin Wuttke, Kathrin Angerer und Franz Beil zusammen mit den aufgeräumten DTlern Bernd Moss, Katrin Wichmann und Jeremy Mockridge in der kleinen bunt-verpoppten Russenstube von „Melissa kriegt alles“ diskutieren, die Nina von Melchow in Anlehnung an Brechts „Mutter“-Kulisse auf die Bühne gestellt hat.

Das heißt, diskutiert wird natürlich nichts. Wie immer bei Pollesch wird einfach gesprochen: Sätze fließen von Mund zu Kopf zu Mund und wieder zu anderen Sätzen, aus denen irgendwann klare Gedankenketten entstehen. Eigentlich sind diese Gedankenketten an diesem Abend nicht weniger witzig oder weniger spektakulär in ihrem Assoziationsschatz als sonst. Ganz im Gegenteil: Wann bekommt man schon mal die Theatergeschichte so stringent neu erzählt aus dem Geist der Bühnenarchitektur und Brecht als Vater eines „Theaters der Trance“ neu erklärt? Nein, „Melissa kriegt alles“ ist einer der ideenreichsten, wunderbarsten Pollesch-Texte der letzten Jahre, in dem die Hypnose des Psychiaters Milton H. Erickson, die Spielverweigerung von Gena Rowland und die Revolution von Pelagea Wlassowa plötzlich an einem Strang ziehen, weil alle drei – richtig verstanden – den Sinn für die Paradoxien lebendigen Denkens verfeinern und Leben nicht in Begriffen stillstellen.

Dennoch kommen die sechs Revolutionsspieler in ihren geblümten „Mutter“-Kleidern und wilden Felljacken einfach nicht richtig ins Spiel mit ihren Sätzen. Es scheint, als drückten die Abstandsregeln sie diesmal auch in Abstand zu ihrem Text, was schon ziemlich kurios ist. Denn niemand, am wenigsten Pollesch selbst, hätte geglaubt, dass diese Maßnahmen sein so ganz antitheatralisches Gemeinschaftstheater doch irgendwie tangierte. Vor Kurzem noch erklärte er im Interview mit der Berliner Zeitung, warum: „Wir waren nie so ein Blut-, Tränen-. Schweißtheater“, dem physische Nähe viel bedeute. „Wir sitzen eher so auf der Couch“.

Und da sitzen sie nun wirklich, wobei der quirlige Martin Wuttke, neuerdings mit schneeweißem Rauschebart und wie Väterchen Frost in Bärenfellmantel gewickelt, mit Zigarette im Mundwinkel, wiederholt unruhig hin und her trippelt, um sich doch locker zu machen. Seine Kolleginnen und Kollegen ziehen sich da lieber öfter mal um und führen Revolutionsmode vor: Blümchenkleider und Shirts mit konstruktivistischen Mustern. Aber so richtig locker wird es an diesem Abend eben nie. Auch weil alle noch sehr mit ihrem Text kämpfen.

Vielleicht kommt die Premiere zu früh. Vielleicht ist das alles aber auch pure Absicht, das Stehen und Stottern, die Äähs und das Stolpern über Gedanken, die in ihrer paradoxen Beweglichkeit eigentlich sehr klar sind. Bahnt sich vielleicht eine neue Textschwere an bei Pollesch, die kein lockeres Überspielen der rhetorischen Gemengelage mehr sanktioniert, sondern wirklich den Bruch spielt, etwas greifen will? Auch die Souffleuse mischt sich nicht mehr lautstark ins Bühnengerangel, sie flüstert diskret von der ersten Zuschauerreihe ein, was dem anarchischen Drive der sonst so rasanten Rederäusche eine weitere Bremse einzieht. Was waren das noch für verbale Höllenfahrten, als Sophie Rois und Bernd Moss im Mantel-und Degen-Duell von „Cry Baby“ ihre Differenzen zum Theater über die Bühne jagten!

Das Thema ist auch heute noch das gleiche: Wie kommt das Denken ins Handeln und vor allem: Wann und wie schafft Theater etwas, das nicht nur Theater ist, sondern dem Leben hilft? Die schönsten Momente dabei entwickeln sich, wenn einzelne Spieler immer wieder hinter die Bühne laufen und plötzlich per Projektion über der Szenerie erscheinen, auf die sie wie Götter herabblicken. Wie schauen wir auf uns, wie auf das Theater? In jedem Fall gebrochener als sonst.

Deutsches Theater: wieder am 3. bis 7.9., 19.30 Uhr, Karten online: deutschestheater.de