Berlin - „Öffentliches Weinen ist hier nicht erlaubt!“, ruft Hofrat Behrens in süffisanter Strenge. Dabei ist der Berghof-Neuling Castorp kein bisschen traurig, leichter Schnupfen treibt ihm eine Träne ins Gesicht. Etwas unpässlich fühlt er sich zwar schon seit seiner Ankunft in dem schwindelnd hochgebirgigen Sanatorium, aber weinen? Keineswegs. Trotzdem wird der Gast sich vom Hofrat untersuchen lassen, der prompt eine „feuchte Stelle“ auf der Lunge dingfest macht und dem unbeschwerten Hans auch noch bestes „Talent zum Patienten“ attestiert. Im Handumdrehen wird aus Castorps dreiwöchiger Sommerfrische eine siebenjährige Hochbegabtenkarriere als Kranker. Dennoch ist nichts zum Heulen in Thomas Manns tausendseitiger Diagnoseschrift über die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, denn er hat sie als humoristisches Satyrspiel angelegt, als Gegenstück zum „Tod in Venedig“. Grotesk, aber wahr.

Auf der Bühne des DT, wo Sebastian Hartmann Castorps Bildungs-Reise in den Tod (nicht den Lungen-, sondern am Ende den Kriegstod) Pandemie-pünktlich inszeniert hat, wird nun aber unheimlich viel geweint. Nein, nicht nur geweint – gejammert, gekeucht und gebrüllt, dass sich die Balken biegen im verschneiten Hades. Es tritt auch kein verschnupfter Hans Castorp mehr auf oder ein rüffelnder Behrens, kein pädagogisch gemessener Humanist Settembrini oder radikalreligiöser Kommunist Naphta, keine geheimnisvoll erotische Clawdia Chauchat oder ein königlich ausschweifender Mynheer Peeperkorn, sondern acht undeutlich verwischte Kreaturen, die all diese Personen kreuzen, stückweise ihre hochzivilisierten Reden zitieren und doch auch so etwas sind wie ganz elementare, vorpersönliche Urgestalten. Kollektivwesen in nackten, verformten Schaumstoffkörpern, die sich weiß getüncht über die leere Bühne schleppen, unentscheidbar, ob gerade erst aus der Ackerfurche oder der Homunkulus-Retorte gekrochen oder seit Jahrhunderten schon untot so dahinwackelnd.

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