Nick Offerman spielt einen Tech-Tycoon mit Allmachtsfantasien in der Serie „Devs“.
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BerlinWenn man Google, Facebook und Instagram zusammennimmt, was für ein Gesicht würde man dahinter vermuten? Würde man an einen Yuppie mit weißem Stirnband denken? An einen alternden Hipster im Anzug? Oder an einen schnöden Programmierer, der seine Allmachtsfantasien hinter einem wiederverwendbaren Kaffeebecher versteckt?

Die fantastische Streamingserie „Devs“ beantwortet genau diese Frage. Sie zeigt, wie man sich die konzentrierte Macht der Digitalgiganten denken und vorstellen muss, ohne auf überholte Schablonen von Gut und Böse zurückzugreifen. Der britische Regisseur Alex Garland findet ein kongeniales, ästhetisch bis in die Perfektion hochgeschraubtes Narrativ dafür. Ja, diese Serie könnte Kulturgeschichte schreiben.

Sergei (Karl Glusman) und Lily (Sonoya Mizuno) in der Serie „Devs“.
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Die Gewalt ist archaisch und analog

„Devs“ dreht sich um den Tech-Maverick Forest (meisterhaft gespielt von Nick Offerman), der, innerlich zerrissen, seine Absichten der digitalen Totalbeherrschung unverständlich in seinen Holzfällerbart grummelt. Forest wohnt und wirkt in einer goldverzierten, in den Wäldern des Silicon Valley errichteten Konzernzentrale und fristet ein abgeschiedenes Leben, seitdem er seinen Reichtum nicht mehr zählen kann und seine Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Optisch kann man den Entrepreneur von den vielen Obdachlosen im benachbarten San Francisco kaum unterscheiden. Jeff ist ein verzweifelter, trauriger Mann mit dem absoluten Willen zur Macht. Was für eine gefährliche Mischung! Auf einen Flat White würde man sich trotzdem mit ihm treffen.

Denn Forest hat ein famoses Projekt im Sinn: Er versammelt die smartesten Köpfe, um mithilfe der Quantenmechanik einen Code zu programmieren, der aus der Vergangenheit heraus in die Gegenwart reicht und damit die Zukunft berechnen soll. Die eine Hoffnung ist, mit der Totalbeherrschung der Zeit seine verstorbene Tochter wiederauferstehen zu lassen. Die andere, sein Erbe auf alle Ewigkeit zu sichern (wie dies auch Google offenbar beabsichtigt). Forest schaut auf die Welt wie auf ein Uhrwerk – das Schicksal erscheint determiniert, smarte Programmierer müssen nur den richtigen Code finden.

Sergei (Karl Glusman) ist einer von Forests Angestellten. Als ihn ethische Bedenken befallen und er das Projekt sabotieren will, muss er seinen Verrat mit dem Leben bezahlen: Forests Sicherheitsmann ermordet Sergei mit einer einfachen Plastiktüte. Die Programmiersysteme sind bei Alex Garland zwar alle neu und hochkomplex, aber die Gewalt dahinter ist zutiefst archaisch und analog.

In San Francisco kann man manchmal Obdachlose von Tech-Geeks nicht unterscheiden: Szene aus der Serie „Devs“.
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Ein Geniestreich

‚Aus diesem Mord entspinnt sich die Geschichte des Thrillers. Sergeis Freundin Lily (Sonoya Mizuno) wird am nächsten Tag in die Konzernzentrale bestellt. Als sie das Videomaterial vom Tod ihres Freundes sieht, soll sie glauben, er handle sich um einen Suizid. Man ahnt, wie es weitergeht: Lily beginnt ein riskantes Katz-und-Maus-Spiel um die Suche nach Wahrheit und Moral.

Man könnte die Serie „Devs“ mit einer Menge Internet-Philosophie aufladen. Schon jetzt gibt es die wildesten Spekulationen darüber, mit welchem Theoriegerüst die acht Folgen dieser Miniserie am stimmigsten zu interpretieren wären. (Die Vergleiche mit der Netflix-Serie „Dark“ liegen auf der Hand.) Im Kern wird hier aber ein Thriller erzählt, der sich bei näherer Betrachtung als umwerfendes Gesamtkunstwerk entpuppt, in dem sich die Elemente zu einer hochstilisierten Super-Erzählung zusammenfügen. Als würde man durch eine digitale Kathedrale in ein immer enger werdendes Panoptikum hinabsteigen, mit den Klängen von Bachs Goldbergvariationen im Ohr.

Regisseur Alex Garland gelingt es, die Schöne Neue Digitalwelt in ihrer gleichzeitigen Offenheit und Enge in ein umwerfendes ästhetisches Gewand zu hüllen. Die Musik, die Farben, die optischen Reize – alles erscheint perfekt. So soll klar werden, worum es Internetgurus wie Forest geht: um die totale Durchdringung des Menschen, seines Begehrens, seines Willens, ohne dass wir es merken. Und dies, darauf hat der Journalist Lars Weisbrod hingewiesen, reaktualisiert einen alten Gedanken: die Macht des Laplace’schen Dämons.

Wir erinnern uns: Der Mathematiker Pierre-Simon Laplace (1749–1827) ging davon aus, dass der Mensch mit dem Wissen um alle Naturgesetze die Geschichte vorausberechnen könne. Genau das versuchen Algorithmen heute auch. Deshalb all die Datenkraken hinter Facebook, Google und Co.. Alex Garland ist es gelungen, diesen radikalen Besitzanspruch als ästhetisches Rauschen darzustellen. Was für ein Geniestreich.

Devs ist jeden Mittwoch um 21 Uhr auf Foxchannel.de und Fox abrufbar. Fox ist in Deutschland bei Sky, Vodafone, Telekom, M7, 1&1 und PŸUR empfangbar. Alle acht Episoden sind im Anschluss an die lineare Ausstrahlung auch über Sky Go, Sky On Demand, Sky Ticket, in der Megathek auf MagentaTV sowie Vodafone Select und GigaTV verfügbar.