In der Hand des Feindes: Vera (Ravshana Kurkova) in „The Balkan Line“
Foto: Russische Filmwoche

Am Rande der Überlandpiste lebt eine alte Frau einsam in ihrem Holzhäuschen. Unentwegt donnern Tanklaster vorüber – die Landschaft ringsum steht auf Erdölfeldern. Doch seit die Benzinpreise fallen, ist Agonie ausgebrochen. Halb aus Einsamkeit, halb aus Geschäftssinn stellt die betagte Paula ihre gute Stube den Fernfahrern als Rastplatz zur Verfügung. Hier wird dann für einige Stunden gefeiert, bevor die Touren am nächsten morgen verkatert fortgesetzt werden. In Paula waltet ein in vielen entbehrungsreichen Jahren geschulter Überlebenssinn, sie kommt ganz gut durch. Doch bald erreicht die allgemeine zwischenmenschliche Erosion auch ihr brüchiges Refugium. 

Gegenwärtige Krisenzustände

„Petroleum“ entwickelt konzentriert eine Geschichte über sogenannte kleine Leute, geht dabei auf gegenwärtige Krisenzustände ein. Mit dieser Position des klassischen Autorenkinos nimmt Regisseur Jusup Rasykow innerhalb der aus 14 Beiträgen bestehenden „Russischen Filmwoche“ eher eine Ausnahmehaltung ein. Wie Sergej Dwortsewoj mit „Ayka“ stellt er sich dem Hier und Jetzt. Ansonsten überwiegen harmlos-private Tändeleien, grelle Milieuzeichnungen oder historisierende Rauschzustände. Im Episodenfilm „Glück ist...“ etwa spannt sich ein heiterer Reigen von durchweg bestens endenden Verwechslungen über kindlich-sportliche Duelle bis hin zu beruflichen und privaten Erfolgsstorys. Alexandra Strelyjanaja inszeniert in „Der Hafen“ eine Liebesgeschichte in der Mixed-Martial-Art-Boxerszene als grelle Montage der Attraktionen: visuell überbordend, doch in der Aneinanderreihung von Effekten auch schnell ermüdend. Alexander Weledinskij verwebt für „Im Hafen von Kapstadt“ Nachkriegserlebnisse mit kompliziert-verschachtelten Zuständen der Gegenwart und deren Spiegelungen im Theaterkosmos.

Nationale Isolation und deren Folgen

Und in „Schwesterchen“ erzählt Alexander Galibin von der allzu rührenden Rettung eines russischen Mädchens durch einen Sowjetsoldaten und dessen Familie im Fernen Osten. Die Hälfte aller gezeigten Filme spielt in der Vergangenheit, fünf davon handeln von Kriegen. Nur vier Mal standen Frauen als Regisseurinnen hinter der Kamera. Im Grundton waltet eine gewisse imperiale, ganz klar maskulin dominierte Sentimentalität. Im Umkehrschluss ist das Fehlen akuter Krisensymptome nicht zu übersehen. Nationale Isolation und deren Folgen, Korruption, häusliche Gewalt, Xeno- und Homophobie sowie die allgemeine Menschenrechtslage kommen nicht oder nur in versteckt-sublimierter Form vor. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Zustand des aktuellen russischen Films zu verschaffen. Man müsste schon ständig auf Festivals zu Gast sein oder selbst nach Russland fahren.

15. Russische Filmwoche

25. November bis 1. Dezember, Filmtheater im Russischen Haus und delphi LUX, The Balkan Line   läuft am 27. November um 20.30 Uhr im Russischen Haus – in Anwesenheit von Gojko Mitic.

Der große Kassenschlager

Die  15.   Filmwoche in Berlin bietet  somit eine gute Gelegenheit zur Orientierung. Finanziert wird das Festival durch das Russische Kulturministerium. In Berlin versuchen  die beiden Kuratorinnen Anna Leonenko und Julia Kuniß ein repräsentatives Programm zusammenzustellen. Naturgemäß wird die Auswahl nicht unbedingt auf explizit Kreml-kritische Arbeiten zugreifen. Andererseits ist es wichtig, um den Geschmack der Durchschnittszuschauer zu wissen. Und hier verhält es sich nun einmal so, dass ganz klar drei Genres den Massengeschmack dominieren: Sportfilme, Komödien und Kriegsepen. Die beiden ersteren sind oft zu speziell, um hierzulande überhaupt decodiert werden zu können. Von diversen Kriegen gibt es, wie erwähnt, einiges zu sehen. 2018 war ein Werk mit dem bündigen Titel „T 34“ der große Kassenschlager. In diesem Jahr konnte „The Balkan Line“ von Andrej Wolgin bereits über 300 Millionen Rubel einspielen und ist nun auch in Berlin zu sehen.

Drei Stunden lang Detonationen

 Die im Endstadium der jugoslawischen Zerfallskriege spielende serbisch-russische Koproduktion fokussiert auf ein wenig bekanntes Kapitel dieses  Dramas. Als im Juni 1999 russische Fallschirmjäger überraschend den Flughafen der Stadt Priština im Kosovo besetzten, kamen sie damit den Nato-Truppen zuvor – was eine internationale Krise auslöste. Nun zeigt gerade der „Fall Handke“ wie mental vermint das Balkan-Gelände noch immer ist. Einfache Interpretationen sind fehl am Platze. „The Balkan Line“ trägt eindeutig nicht zu einer differenzierten Perspektive  bei. Die Kämpfer der pro-albanischen UÇK werden durchweg als blutrünstig-islamische Untermenschen dargestellt; die Serben und ihre russischen Verbündeten hingegen als  heldenhaft um den Erhalt des Abendlandes ringende Lichtgestalten. Wer es mag, fast drei Stunden lang Detonationen, abgetrennte Körperteile und weitere Grausamkeiten aller Art anzuschauen, ist in diesem Opus gut aufgehoben. Mittendrin ist in einer gar nicht so kleinen Rolle Gojko Mitić als wackerer serbischer Dorfpolizist zu erleben. Auch er fällt den vollbärtigen Halsabschneidern zum Opfer.