Schießwütig in „Die 5 glorreichen Sieben“: Meret Becker, Katharina Thalbach, Andreja Schneider, Anna Mateur, Anna Fischer (v.l.).
Foto: Mutfoto/Barbara Braun

Wer sagt denn, dass man nur im Kino eine Zeitreise in ferne Welten – egal, ob die in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegen – antreten kann? Das ist natürlich auch im Theater möglich, und damit sind nicht bloß die Störtebeker- oder die Karl-May-Festspiele gemeint. Es reicht, in die Bar jeder Vernunft zu gehen. Dort kann man jetzt in den Wilden Westen eintauchen, wie es ihn nie gegeben hat – außer im Kino. „Die 5 glorreichen Sieben“ entstand nach einer Idee von Lutz Deisinger und Andreja Schneider, die mit Christopher Tölle und ihren Mitkämpferinnen überdies Regie führte.

Der Titel ist an den Filmklassiker „Die glorreichen Sieben“ (1960) angelehnt. Wie der Regisseur John Sturges dafür „Die sieben Samurai“ (1954) von Akira Kurosawa adaptierte und nach Nordamerika verlegte, versuchen es die Berlinerinnen mit einer eigenen dramaturgischen Brechung: Alle wichtigen Rollen werden nämlich von Frauen gespielt.

Das heißt jedoch nicht, dass der Western als krachledernes Genre feministisch aufpoliert, gar gendermäßig überarbeitet wäre. Im Gegenteil, Meret Becker als schwuler Trickbetrüger, Anna Fischer als naives Halbblut, Anna Mateur als dampfplaudernder fahrender Händler, Andreja Schneider als mehr oder weniger gottesfürchtiger Reverend und Katharina Thalbach als mexikanischer Revolverheld lassen kein noch so peinliches Klischee aus.

„Die 5 glorreichen Sieben“ brüllen, fluchen und fuchteln mit Colts herum

Und sie parodieren oder dekonstruieren diese keineswegs, sondern imitieren sie mit aller Kraft und ironischem Ernst – was oft zum Lachen ist, aber manchmal schon arg verstaubt wirkt. Nun gut, warum sollte bei einer Zeitreise in die Tiefen der Filmgeschichte und der Männerfantasien immer alles lustig sein?

Für ein paar tatsächlich humorige Akzente sorgt der Schlagzeuger Peter Sandmann, der als Geräuschmacher die Zikaden zirpen und die Fußtritte nachhallen lässt. Das Bühnenbild von Friedrich Eggert besteht aus überdimensionalen Hufeisen als Raumteiler und typischer Prärie-Dekoration wie Kaktus, Geier oder Lagerfeuer.

Die Story ist schnell erzählt: Die fünf Gestalten treffen einander zufällig und vereinen sich auf der Jagd nach einem gefährlichen Banditen. Am Schluss haben sie ihn erlegt und gründen im Licht der untergehenden Sonne eine Familie – oder so ähnlich … Dabei wird gebrüllt und geflucht, im Stehen gepinkelt und mit den Colts herumgefuchtelt, Fäuste und Pfeile fliegen durch die Luft, eine Bank wird ausgeraubt, viel Whisky gekippt. Dann wieder schnallen sich alle massige Pferdehintern samt Schweifen um und „reiten“ Richtung Künstlergarderoben.

Außerdem werden über zwei Dutzend thematisch passende Songs vorgetragen, bluesig ausladend bei Anna Mateur, guttural mümmelnd bei Katharina Thalbach, gern einstimmig im Chor, damit man’s besser hört. Die Begleitung liefert eine fünfköpfige Westernband unter der Leitung von Ferdinand von Seebach.

Alle Vorstellungen von „Die 5 glorreichen Sieben“ ausverkauft

Meret Becker räumt groß mit ihren artistischen Einlagen ab und ist auch sonst auf flinken Füßen inmitten der Wild-West-Wüstenei unterwegs. Andreja Schneider verschwindet fast hinter ihrem buschigen Schnurrbart, während Anna Fischer als Jungspund schnell tief in die routinierte Bodenständigkeit ihrer Gang hineingezogen wird.

Sehr länglich und mit Elementen von Fremdscham erweist sich freilich die Szene, in der alle Frauen Frauen spielen. Dies sind nämlich Prostituierte, die „Westernmatratzen“ genannt werden, Beckenbodentraining für das nahende Bummsfallera mit den sexuell unterversorgten Cowboys machen und das Publikum mit Sprüchen wie „Ich bin gut drauf. Bist du gut drunter“ quälen.

Im klassischen Western ist die Zeit stehen geblieben, und so ist es nur konsequent, dass sie dies in dieser Produktion nicht anders ist. Trotzdem oder gerade deswegen sind bereits alle Vorstellungen ausverkauft.

Die 5 glorreichen Sieben

bis 17.11.2019, Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Tel. 883-1582