Das Yukon-Territorium liegt an der Grenze der Zivilisation. Ein so schöner wie unwirtlicher Landstrich, in dem die Temperaturen so weit fallen, dass der Atem zu Eis erstarrt. Hier keimte 1886 ein von der US-Wirtschaftskrise befeuerter Goldrausch auf, in dessen Folge die Siedler immer tiefer in die schlangenförmig vom Yukon-Strom durchzogene Region drängten. Es entstand eine Nahtstelle von Wildnis und Zivilisation, die nie wirklich zusammenwachsen konnte. Alexandre Espirages hat mit „Die Abenteuer von Wolfsblut“ einen animierten Kinderfilm gedreht, der weniger von der Koexistenz als von der Kluft jener Lebensräume erzählt, die im Norden Amerikas vor der Jahrtausendwende entstanden.

Dabei scheint der Protagonist von Espirages’ Jack-London-Adaption Wildnis und Zivilisation in sich zu vereinen: White Fang ist ein Wolfshund, halb domestiziert, halb wild. Nach seiner Geburt in der Wildnis, wird der brutale Überlebenskampf im Winter den Welpen und seine Mutter an den Rand der Zivilisation führen. Espigares bleibt, im Gegensatz zu anderen London-Adaptionen, immer an der Seite des Wolfshundes. Dessen Weg, der ihn aus den Wäldern in die Reservate der amerikanischen Ureinwohner und schließlich in die Siedlungen der Goldschürfer führt, erzählt er weitgehend ohne Dialoge. „Die Abenteuer von Wolfsblut“ spielt seine Stärken primär visuell aus.

Espigares, der als Animationskünstler und Special-Effects-Experte arbeitete, bevor er für seinen Kurzfilm „Mr Hublot“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, bedient sich dazu eines eigenwilligen Animationsstils. Fast scheint sich in dem Mix aus klassischer Zeichnung und 3D-Animation das hybride Wesen seines Protagonisten zu spiegeln. Die Bewegungen des Wolfshunds wurden mit der Hilfe des Motion Capturing zu einem 3D-Modell animiert, das mit klassischen Ölfarben überzogen, einen eigentümlich naturalistischen Touch erhält.

Eine Geschichte, die die Grausamkeit nicht ausspart

So idiosynkratisch sich die Animation des Films gestaltet, so ergeben bleibt er dem Ton von Londons Roman. Trotz einiger zeitgemäßer Anpassungen ist „Die Abenteuer von Wolfsblut“ eine Geschichte, die die Grausamkeit nicht ausspart, die White Fang erlebt, nachdem sein erster Besitzer, der Häuptling Grey Beaver, gezwungen ist, ihn an den Geschäftsmann Beauty Smith zu verkaufen. Dessen Profitgier bekommt der Wolfshund in der Hundekampf-Arena zu spüren, bis der gutmütige Marshal Weeden Scott ihn befreit und als Haushund adoptiert. So steht White Fangs Lebensweg für den evolutionären Weg des Hundes vom Wild- zum Arbeitstier, der sich durch die Kluft zweier Lebensräume seinen Platz an der Seite des Menschen erkämpfte.

Die Abenteuer von Wolfsblut Frankreich, Luxemburg, USA 2018. Regie: Alexandre Espigares, 104 Min., Farbe, FSK ab 6