Ganz früher war es einfach: War man im Urlaub, saß man nicht im Büro, und am ersten Arbeitstag blätterte man die Poststapel durch. Mehr als die Hälfte der Anliegen hatte sich dann erfreulicherweise bereits erledigt. Mit Einführung der beruflichen E-Mail-Accounts indessen wurden automatische Hinweise nötig, die dem  Anfrager zeigten, dass die Empfangsbereitschaft am anderen Ende der Virtualität zeitweilig unterbrochen war.

Denn die Toleranz war zu Beginn der Mailkultur noch nicht so groß wie heute. Gern wurde der Adressat einer Mail nach Abschicken derselben auch noch angerufen: „Ich habe Ihnen gerade eine Mail geschickt und wollte nur sichergehen, dass die auch angekommen ist.“ Die Erfahrung der Wurmlochrealität, dass etwas auf zwei Computern gleichzeitig existiert, war damals, in den Neunzigern, noch nicht so gefestigt. Wenn man sich ohne Abwesenheitsnotiz anderswo die Sonne auf den Bauch brennen ließ, konnte sich das Mailaufkommen glatt verdoppeln. Aber mit dem Hinweis, dass mit einer Antwort erst ab dem Soundsovielten zu rechnen sei, war alles gut: Dann wussten die Leute, dass sie bis dahin für ihr Anliegen nichts weiter tun konnten.

Wer nach 18 Uhr Mails beantwortet, hat sein Leben nicht im Griff

Das Bündnis hielt bis zur Einführung der mobilen Endgeräte in Firmen. Erst wurden Notebooks an die Mitarbeiter ausgeteilt, dann sogar Smartphones, auf denen der Mailaccount installiert war. Und mit der Möglichkeit, auch von zu Hause schnell noch einen Vorgang zu bearbeiten, schwand bekannterweise die Freizeitdisziplin der Angestellten. Trotz aller Warnungen der Gesundheitsbranche ist es vermutlich nur in Skandinavien verpönt, nach 18 Uhr eine geschäftliche Mail zu beantworten. Dort denkt man dann, dass der Betreffende sein Sozialleben nicht im Griff hat, was sicher stimmt.

Nach wie vor gibt es die Hinweise natürlich, sie haben in den Programmen als „Abwesenheitsassistenten“ sogar eine eigene Rolle bekommen. Und sie werden auch fleißig ins Spiel gebracht, manche Leute schalten sie selbst übers Wochenende ein. Lustigerweise bedeutet eine Abwesenheitsnotiz inzwischen aber mitnichten mehr, dass Mails nicht beantwortet werden. Im Gegenteil geht es oft sogar noch viel schneller mit der Antwort, weil das tägliche Konferenzgeschäft während des Urlaubs zwar tatsächlich ruht, auf keinen Fall aber die Kontrolle des Postfachs.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie der urlaubende Mensch immer wieder sein Arbeitsgerät aus der Tasche zieht, um zu zählen, auf wie viele Mails er eigentlich nicht reagieren müsste, und wie hoch der Erholungswert demnach schon ist. Und dann werden die Anfragen mal rasch angeklickt, aha, naja, das könnte man schnell ja mal, weg ist weg, und die X braucht ja die Antwort. Sie wissen, was ich meine!

Ich weiß ja selbst, was ich meine, und werde gerade sogar ein wenig rot. Tatsächlich ist es nämlich ziemlich peinlich, wie Kai aus der Kiste hinter seiner eigenen Abwesenheitsnotiz hervorzuspringen und zu sagen: Ätschebätsch, bin doch nicht weg. Mehr als peinlich: demütigend. Es ist schlechtes Theater. Als würde man sich für unentbehrlich halten. Tatsächlich ist es natürlich die Anfrage, die unentbehrlich ist. Um den Schaden gering zu halten, könnte man vielleicht einen Anfrageassistenten auf dem privaten Account installieren. Und das Arbeitshandy im Büro lassen.