Berlin - Mit „Ist das noch Punkrock?“ erklingt pünktlich um 20.15 Uhr das erste Lied. Eine clevere Frage, die Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González da zu Beginn stellen. Das dreistündige Konzert hindurch wird sie das Publikum begleiten. Ausverkaufte Wuhlheide, ist das noch Punkrock?

Pünktlichkeit und familienfreundliche Atmosphäre, hat das was mit Punkrock zu tun? Engagierte Texte, „AKWs sind böse“, „rettet die Wale“, ist das etwa Punkrock? Merchandise, Nippes-Welt, Punkrock? Und Zugaben, sind Zugaben eigentlich Punkrock? Wie könnten die Antworten auf diese unnützen Fragen ausfallen, und was würde das eigentlich bedeuten?

Die Ärzte haben in einem älteren Lied „Punk ist …“ bereits alles dazu gesagt: „Ich sag’ Dir: Mach Dein Ding, steh’ dazu. Heul nicht rum, wenn andere lachen.“ Die Ärzte ziehen ihr Ding durch. In diesem Sinne sind sie Punk, immer noch oder eben „auch“.

Obwohl sie schon lange Millionäre sind, bewahren sich die Ärzte den Ur-Punk-Anti-Establishment-Geist. Und das funktioniert, die Fans nehmen es ihnen ab. Wie sie das schaffen? Sie nehmen sich selbst auf die Schippe.

Stürzt die Götter!

In ihren Liedern geht es selbst ihnen, „der besten Band der Welt“, an den Kragen, wie in dem Song „zeiDverschwÄndung“, da heißt es: „Es gibt so viel zu sehn, es gibt doch so viel zu lernen. Hast du nichts Besseres zu tun, als noch die Ärzte zu hörn?“ Durch diesen Kunstgriff erhalten die Ärzte bei allem Erfolg eine glaubhafte Stürzt-die-Götter!-Haltung am Leben.

Sie sind Meister des Wortwitzes, das Publikum lacht, hüpft, klatscht, singt textsicher mit. Viele Songs („Westerland“, „Zu Spät“, „Schrei nach Liebe“) sind längst zu Schlagern geworden. Passend zu den vielen Liebesliedern im Repertoire: Menschen umarmen sich, knutschen miteinander, Punkrocker nennen das Züngeln. „Diktator“ Farin befiehlt:„Hinsetzen! Auf den Boden! … Stellt euch nicht so an, ihr seit schließlich auf einem Ärzte-Konzert!“

15.000 Fans machen, was er sagt. Im richtigen Moment springen sie wieder auf und werden Teil einer riesigen La-Ola-Welle. Kollektive Freude. Farin Urlaub, Bela B. und Bassist Rodrigo González spielten am Freitagabend nicht glänzend, sie spielten verlässlich gut.

Die Musik war harmonisch, melodisch, rhythmisch konventionell, wie immer eine Mischung aus angepunktem Pop und Rockmusik. Ungehemmt, schweineböse, rotzig war nichts, alles massenkompatibel. Der Sound hätte wärmer, ausgewogener sein können. Zusätzlich blies der Wind die Höhen manchmal nach links (oder wahlweise nach rechts), so war teilweise nur noch basslastiges Wummern zu vernehmen.

Aber so ist das bei Großveranstaltungen wie diesen, da kann nicht immer alles „perfekt“ sein, wie einer ihrer Hits heißt. Wenn aber das Ärzte-Publikum im richtigen Moment zu Tausenden wie aus einer Kehle „Arschloch“ schreit, dann ist das im deichkindschen Sinne: leider geil!