Zingle schläft wie ein Engel. Sein Mund zuckt, macht leise Schmatzgeräusche. Er ist vier Wochen alt und liegt auf dem Arm seiner Mutter Yandiswa Mayeki. Während sie und ihr Mann und Simphiwe erzählen, kommt zwei Mal ihre große Tochter vorbei. Die siebenjährige Ichumile beguckt sich den Besuch. Die Eltern erzählen von ihrer Liebe zur Musik.

Bald geht Simphiwe Mayeki wegen dieser auf Reisen und lässt seine Familie zurück. Er gehört zu den African Angels, einem Teil des Chors der Cape Town Opera. Am Abend zuvor haben wir ihn bei Verdis „Rigoletto“ auf der Bühne gesehen.

Eine weiße Angelegenheit

Familie Mayeki wohnt im Township Langa im Südosten Kapstadts. Wir sitzen im Vorraum des hellrot gestrichenen Hauses, dahinter liegen noch Küche, Bad und ein Schlafzimmer. Yandiswa Mayeki sagt, dass sie beim Chor aufhören musste, obwohl sie so viel Freude daran hatte. „Maria Stuarda“ von Donizetti war ihre Lieblingsoper, überhaupt habe sie gern auf Französisch und Italienisch gesungen. Für die „Zauberflöte“ kam ein Korrepetitor aus Deutschland, erzählt sie.

Aber als Sänger verdienten beide nicht genug, um die Familie zu ernähren, die Schule zu bezahlen, die Aufsicht für die Kinder, wenn sie arbeiten... Simphiwe sagt, dass seine Frau mehr vom Singen verstehe als er, weil sie es studiert hatte; wenn er zu Hause übe, suche er manchmal ihren Rat. „Consultant“ sei sie jetzt, sie helfe in einem Geschäft Leuten mit Handy- und anderen technischen Problemen. „Ich möchte hart arbeiten, damit meine Kinder eines Tages hier rauskommen“, sagt sie.

Dabei sieht es im Township nur einfach aus, nicht ärmlich, die Familie hat sogar einen Mercedes. Gut, sie müssen zu viert in einem Zimmer schlafen, doch hinter dem Township mit seinen Stein- und Lehmhäusern sieht man kilometerweit Siedlungen aus Wellblechhütten, ohne fließend Wasser, ohne Toiletten. 

Angst vor Fremden 

Yandiswa klagt, dass die Stimmung bei ihnen in Langa gekippt sei, seit so viele Fremde aus den Nachbarstaaten gekommen seien. „Die bringen Drogen mit und verkaufen sie hier sogar an Kinder. Die Polizei hilft nicht, sie ist korrupt. Wir haben schon eine Bürgerwehr gegründet.“ Die wird nun auch auf Yandiswa und die Kinder aufpassen, wenn Simphiwe unterwegs ist.

Er kennt zwei Sänger, die in Europa geblieben sind in der Hoffnung auf eine Karriere dort. Aus einem großen Karton mit CDs fischt er die DVD „My African Dream“. Das Cover zeigt den Geiger André Rieu vor einer untergehenden Sonne, neben ihm steht eine schwarze Schöne im eleganten Kleid, offenbar singend. Der Namen dieser Frau suchen wir auf der Hülle vergeblich.

Schlingensiefs Operndorf

Die Oper war bis zum Ende der Apartheid eine rein weiße Angelegenheit in Südafrika, von Weißen für Weiße, ein Minderheitenprogramm. Das im Entstehen befindliche Operndorf in Burkina Faso, 8000 Kilometer weiter nördlich, das auf eine Idee des Theatermachers Christoph Schlingensief zurückgeht, dient nur zu Teilen dieser Kunstform. Es soll vor allem ein Ort des kreativen Austauschs werden. Die Cape Town Opera wurde 1999 gegründet und ist bis heute die einzige Oper auf dem afrikanischen Kontinent mit regelmäßigem Spielbetrieb – regelmäßig, nicht ununterbrochen. Das alte viktorianische Opernhaus in Port Elizabeth am Ostkap dagegen dient heute als Konzertsaal, vor allem für Jazz.

Fünf Produktionen studiert der aus Portugal stammende Musikdirektor José Dias mit der Cape Town Opera im Jahr ein. Der Chor bildet ihren Kern, dazu kommen Gastsolisten. Er orientiert sich an der großen Opernliteratur von „L’Orfeo“ (Monteverdi), „La Traviata“ (Verdi), „Carmen“ (Bizet) bis zu Gershwins „Porgy and Bess“. Die Produktionen sind nur ein paar Wochen zu sehen, weil selbst in der zweitgrößten Stadt Südafrikas das Publikum dafür fehlt.

Unerschwinglicher Eintritt

Aus zwei Gründen: Musik ist zwar untrennbar mit dem Leben der Menschen im Vielvölkerstaat Südafrika verbunden, aber traditionelle Musik, keine von alten weißen Männern komponierte. Und zweitens, weil ein Opernbesuch für die meisten Menschen unerschwinglich teuer ist. Als wir deutsches Journalistentrüppchen auf Einladung des Tourneeveranstalters für drei Tage nach Kapstadt kommen, sitzen bei „Rigoletto“ fast nur Bleichgesichter wie wir im Publikum. Die Aufführung überzeugt mit exzellenten Stimmen.

Marvin Kernelle, der mit auf der Bühne steht und eigentlich der Chorleiter ist, sagt später, er habe sich schon Freunden gegenüber rechtfertigen müssen, warum er seinen Eltern kein Haus baue. Mit der Oper werde man nicht reich. Doch er sei glücklich: „Ich habe das Privileg, mit den flexibelsten und besten Stimmen zu arbeiten, die man sich vorstellen kann.“

Ende der Rassentrennung

Angefangen hatte er als Orgelspieler in der Kirche, dann entdeckte der den Gesang für sich. Seine Schwester, die Geige spielt, studiert inzwischen Politik und Wirtschaft. Vielleicht komme sie weiter als er. Marvin Kernell sagt: „Die Apartheid interessiert mich nicht, sie hat nichts mit meinem Leben zu tun.“ Er war noch ein Kind, als die Rassentrennung offiziell beendet wurde, 1994.

In der Erinnerung ist sie noch gegenwärtig in dieser Stadt. Am alten Fähranleger Jetty 1 künden Fototafeln davon, dass von hier Schwarze nach Robben Island deportiert wurden, wo auch der spätere erste schwarze Präsident Südafrikas, Nelson Mandela, 18 Jahre in Haft saß. Auf der Insel führen heute ehemalige Häftlinge durch die Baracken, zeigen die Schlafsäle mit den eisernen Doppelstockbetten und die winzigen Einzelzellen.

Welterbestätte Robben Island

Busse fahren die Touristen herum. Kurz hinter der kleinen Bucht, wo Pinguine hocken, ist ein hellblauer Rahmen ans Ufer gebaut, als Fotografierhilfe. Darauf steht „Robben Island Museum. World Heritage Site“. An dieser Welterbestätte ist der Cape Town Opera Chor schon aufgetreten, hat seine Mandela Trilogie aufgeführt und Beethovens „Fidelio“ mit dem Gefangenenchor.

Mit solch beziehungsreichem Repertoire werden die African Angels nicht nach Europa reisen, sondern einem gemischten Programm aus Opernmelodien, traditioneller Musik und Gospel. Der Veranstalter hofft auf ein breiteres Publikum als die klassischen Operngänger. Deren Ohren sind in Deutschland verwöhnt, nicht nur was die Stimmen betrifft, mit denen die südafrikanischen Sänger ja mithalten können, sondern auch die Arrangements.

Töne hinter Türen

Im Artscape Center von Kapstadt, wo sich der Cape Town Opera Chorus Bühne und Probenräume mit Musicalensembles und Theatergruppen teilt, besuchen wir eine Probe. Als wir zu spät ankommen, die Straßen waren verstopft, hören wir den Gesang schon durch geschlossene Türen.

Bei der richtigen gelandet, sind wir verblüfft: In einer Reihe sitzen die Frauen auf Stühlen, dahinter die Männer. Sie sitzen, während sie singen. Ihre Stimmen aber entfalten ein Volumen, als wären hinter ihnen Verstärker versteckt. Bei einem Lied, das einem Gebet nachempfunden ist, stehen sie dann doch auf, teilen sich die Rollen, gibt es Vorsänger und den Chor. Der Probensaal vibriert.

Der Klick in der Liedern

In der Kantine kommen wir miteinander ins Gespräch. Die meisten Proben beginnen mit regelrechtem Training, sagt Babongile Manga, die seit 2010 als Sopranistin im Chor singt. Auch Tanzunterricht haben sie. „Unsere Auftritte sind anstrengend, da müssen wir körperlich fit sein.“ Schwungvoll tanzen kann man auch mit Hüftspeck und runden Armen – es müssen nur Muskeln darin stecken.

Babongile stammt wie ihre Freundin Pumza Mxinwa vom Ostkap. Sie sind Xhosa, sprechen neben Englisch die Sprache mit dem Klick-Laut, die auch ins Liederprogramm integriert wird. Beide hatten schon im Schulchor mit dem Singen angefangen, so wie auch Yandiswa und Simphiwe Mayeki. Inzwischen gehen sie manchmal als Profis in Schulen und städtische Zentren, weil die Cape Town Opera auch Bildungsprojekte anbietet.

Die Engel brauchen Geld

24 Mitglieder hat der Chor, 18 von ihnen sind die African Angels. Die Gastspiele in Europa sind wichtig für alle. Die Engel verdienen damit Geld für die Projekte zu Hause. Wenn sie zurück sind, beginnen die Proben für Richard Wagners „Fliegenden Holländer“, der im August in Kapstadt Premiere hat.