Der amerikanische Regisseur Woody Allen: 13 Autoren schrieben einen offenen Brief an den Rowohlt-Verlag, man solle doch bitte auf die Veröffentlichung Allens Autobiografie verzichten. 
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BerinKeine Sorge, ich werde nicht über Corona schreiben. Wobei, ein bisschen schon, weil diese Seuche viel über die verunsicherte, komplexe, leicht hysterische Welt erzählt, in der wir gerade leben. Existenzielle Ängste mischen sich mit dem Halbwissen über internationale Lieferketten, virologische Wirkungsmodelle, die Grenzen des westlichen Gesundheitssystems und der vermutlich nicht ganz unwichtigen Frage, ob genug Klopapier im Hause ist. Übrig bleibt ein dumpfes Gefühl von Kompliziertheit, Überforderung. Und die Sehnsucht nach heilender Klarheit.

Ähnlich könnten sich die 13 Autoren gefühlt haben, die vor ein paar Tagen einen offenen Brief an den Rowohlt-Verlag sandten, in dem sie verlangten, doch bitte auf die geplante Veröffentlichung der Autobiografie des Filmkünstlers Woody Allen zu verzichten. Es geht um den schon seit vielen Jahren erhobenen Vorwurf, der Regisseur habe 1992 seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan missbraucht. Die beschwerdeführenden Autoren finden, einem solchen Mann dürfe kein Forum geboten werden, um über sein Leben zu plaudern.

Dazu muss man wissen, dass sich amerikanische Behörden und Staatsanwaltschaften jahrelang intensiv mit diesen Vorwürfen beschäftigt haben, die vor allem von Allens ehemaliger Frau, der Schauspielerin Mia Farrow, vorgebracht wurden. Alles, was zutage trat, war die Erkenntnis, dass die Sache nicht zu klären ist. Deshalb wurde dieser äußerst verzwickte, undurchsichtige Familienstreit auch nie vor Gericht verhandelt. Was allerdings die Autoren des offenen Briefes (zu denen der Alles-Erklärer Sascha Lobo und die Alles-Verbieterin Margarete Stokowski gehören) nicht daran hinderte zu schreiben: „Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln.“

Das finde ich interessant, weil es ja bedeutet, dass die Staatsanwälte, Richter und Justizbeamten, die mit dem Fall in den USA beschäftigt waren, offenbar zu blöd waren, die Wahrheit zu ergründen. Während Sascha Lobo und Margarete Stokowski, das Schnellgericht aus Deutschland, den Fall jetzt einfach mal abgeschlossen haben. Schuldig!, rufen sie – und setzen ihr Gefühl über das Recht.

Am meisten verwundert mich die unendliche Selbstgewissheit, mit der die Lobos und Stokowskis dieser Welt ihre Urteile fällen. Sie scheinen keine Zweifel zu haben, sie stellen keine Fragen, das Widersprüchliche ist ihnen suspekt. Denn sie kennen ja die Wahrheit. Und, was noch viel wichtiger ist: Sie fühlen sich moralisch legitimiert, dieser Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Deshalb dürfen sie anstößige Gedichte von Hausfassaden tilgen und fragwürdige Gemälde aus Museen entfernen. Sie dürfen die Literatur auf verbotene Wörter untersuchen – und natürlich auch gleich ganze Bücher verbieten.

Ich reagiere immer ein bisschen allergisch, wenn ich solchen zweifelsfreien Menschen begegne, das hat vermutlich mit meiner Jugend in der DDR zu tun, die ja auch von Leuten regiert wurde, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten. Ich halte zweifelsfreie Menschen tendenziell für gefährlich, weshalb ich glaube, dass es wichtig ist, den Lobos und Stokowskis dieser Welt die Stirn zu bieten. Wir dürfen nicht zulassen, dass die freiheitlichen Grundsätze unserer Gesellschaft dem moralischen Empfinden irgendwelcher selbst ernannter Gedankenpolizisten unterworfen werden. Ich glaube, dass die Dinge immer komplizierter sind, als man denkt. Es gibt keine einfachen Wahrheiten, auch wenn das ständig behauptet wird. Das ist es, was das Leben so anstrengend, aber auch so spannend macht.

Die nächsten Wochen und Monate werden seltsam sein, unser gewohntes Leben wird aus den Fugen brechen. Aber lassen Sie, liebe Leser, sich nicht aus der Ruhe bringen, von keiner Seuche und von keinem Gedankenpolizisten. Denken sie an Wilhelm Busch, der schrieb: Solange Herz und Auge offen / solange darf man freudig hoffen.