Regisseur Bong Joon-ho.
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CannesEs ist ungewöhnlich, dass sich ein Regisseur direkt an die Presse wendet. Bong Joon-ho hat das vor der Uraufführung seines Films „Parasite“ im Wettbewerb in Cannes getan. Er bat die Kritiker darum, die Handlung des Films nicht zu enthüllen, damit Spannung und Emotion nicht beeinträchtigt werden. Seine Sorge ist verständlich. Wer die Wendepunkte der Geschichte schon vorher kennt, wird um ein Vergnügen gebracht.

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Denn vergnüglich ist dieser Film durchaus, obwohl er die Kluft zwischen einer armen und einer reichen Familie in Südkorea schonungslos darstellt. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Bong Joon-ho 2019 für „Parasite“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Und bei den diesjährigen Oscars gab es gleich vier Preise.

Über seinen Film spricht der 49-jährige Südkoreaner in seiner Muttersprache, eine Dolmetscherin übersetzt. Während er redet, blickt der Regisseur seiner Gesprächspartnerin in die Augen. Auch wenn er weiß, dass sie nur sein Lachen versteht.

Herr Bong, man kann Ihren Film als Manifest über den Zustand kapitalistischer Gesellschaften verstehen. Sie erzählen von der Kluft zwischen Arm und Reich. Würden Sie sich als einen politischen Regisseur bezeichnen?

Bong Joon-ho: Es war nicht meine Absicht, politische Botschaften zu überbringen, aber es lässt sich auch nicht vermeiden. Denn der Ausgangspunkt meines Films sind zwei Familien, die eine arm, die andere reich, Angehörige zweier Gesellschaftsklassen. Die Armen versuchen, in die Welt der Reichen hineinzugelangen. Sie hoffen, mit der Upper-Class-Familie in einer Koexistenz oder einer Symbiose zu leben, aber das gelingt nicht, und so werden sie in eine parasitäre Beziehung hineingestoßen. Wer will mit dem Finger auf diese Familie zeigen und sie Parasiten nennen? Sie kämpft um ihr wirtschaftliches Überleben. Sie ist nicht von Beginn an parasitär, sie wurde in dieses Verhalten hineingetrieben. Der Titel des Films hat eine ironische Nuance.

Der Trailer für die südkoreanische Gesellschaftssatire „Parasite“ von Bong Joon.

Video: YouTube/KinoCheck

Sie variieren mit "Parasite" auch das Thema von Herr und Knecht. Aber während die Trennlinien früher klar waren, werden sie in modernen Gesellschaften oft verschämt geleugnet.

In den modernen Gesellschaften tut man so, als habe man die Hierarchien und die sozialen Klassen abgeschafft. Aber so ist es ja nicht. Die Kluft zwischen den beiden ist eher noch größer geworden, und ich befürchte, dass Arm und Reich immer weiter auseinanderdriften werden. Jemand, der heute in die Armut hineingeboren wird, kommt nicht mehr heraus.

Das heißt, dass die Aufstiegsversprechen kapitalistischer Gesellschaften verlogen sind?

Meine Filme reflektieren diese Frage unterschiedlich. Dabei muss ich über Genres sprechen: Auch in "Snowpiercer" gab es die beiden Klassen, aber es handelte sich um einen Science-Fiction-Film, und dadurch war alles möglich. In "Snowpiercer" verbünden sich die Armen und kämpfen gegen ihre Lage an. Einmal versuchen sie, die Lokomotive des Zuges zu sprengen, der durch eine visionäre Eislandschaft fährt. Entstanden ist diese Eiswüste nach einem missglückten Versuch, den Klimawandel zu stoppen. Im vorderen Teil des Zuges amüsieren sich die Reichen, im hinteren Teil vegetieren die Armen. "Parasite" ist jedoch kein Science Fiction. Er erzählt zwar keine wahre Begebenheit, handelt aber von unserer Realität. Deshalb ist die Grundstimmung eher pessimistisch. Es gibt einige unangenehme Momente in diesem Film. Aber ich wollte ehrlich bleiben, unabhängig davon, ob der Film ankommt oder nicht.

Sie bezeichnen Ihren Film selbst als "Tragikomödie". Die Emotionen und Tonlagen wechseln rasant. Viele Szenen sind wirklich unglaublich komisch. Steht das alles so im Drehbuch oder ergibt es sich aus der Situation beim Drehen?

Ich arbeite immer hart an meinen Drehbüchern, aber ich denke nie: Jetzt ist es Zeit für Komödiantisches, im nächsten Moment muss es aber wieder dramatisch werden. Ich folge meinem Instinkt und kalkuliere nicht alles im Detail. Während der Dreharbeiten bin ich absolut auf die Situation fokussiert. Später, wenn ich mir das Ergebnis ansehe, denke ich auch manchmal, es sieht aus, als hätte ich alles lange vorausgeplant, aber das ist nicht der Fall.

Foto: EPA/Jeon Heon-Kyun
Bong Joon-ho

wurde am 14. September 1969 im südkoreanischen Daegu geboren. Nach dem Studium der Soziologie absolvierte er die Filmakademie. Nach seinem Abschluss drehte er zunächst Kurzfilme, bevor er 2000 mit der Komödie "Hunde, die bellen, beißen nicht" seinen ersten abendfüllenden Spielfilm herausbrachte. Mit seinem 2006 erschienenen Monsterfilm "The Host" avancierte Bong Joon-ho zum Starregisseur des Weltkinos.

Ihr Film spielt auch geografisch in zwei Ebenen: Innerhalb der Stadt gibt es eine Ober- und Unterwelt, fast so wie in "Metropolis". Bezogen auf unsere Gegenwart könnte man sagen, die Wetterkatastrophen als Folge der Erwärmung betreffen die einen mehr, die anderen weniger. Die Armen werden buchstäblich überflutet.

Es gibt diese starken Regenfälle, aber es regnet überall. Nicht nur bei den Armen, sondern auch bei den Reichen. Doch der Junge aus der reichen Familie schläft in seinem Zelt im Garten trotz des Regens, er bleibt dort sogar trocken und schläft angenehm. Die Armen hingegen bekommen alles ab. Die Kanalisation quillt bei ihnen aus dem Klo heraus. Es ist so wie Sie es eben mit "Metropolis" von Fritz Lang erwähnt haben: Es gibt eine Welt oben und eine unten. Wasser fließt immer von oben nach unten. Ich habe es brutal dargestellt, deshalb kann man darin eine politische Aussage sehen. All das Wasser, das hier nach unten strömt, diese Überschwemmung, betont noch die Lage der Armen. Es verstärkt die Angst, niemals aus dieser Situation herauszukommen. Die Angst ist das Grundgefühl dieser Menschen.

Neben der einen armen Familie gibt es noch ein anderes Diener-Paar. Statt sich zusammenzutun, bekämpfen sie sich untereinander. Wollen Sie damit zeigen, dass es in der Armut keine Solidarität gibt?

Die Zeiten, in denen man soziale Gruppen gebildet hat, sind meiner Meinung nach vorbei. Man kann heute nicht mehr sagen, wer der Feind ist, wo man angreifen kann. Es herrscht das Prinzip alle gegen alle. Das ist traurig. Die Reichen sind in diese Kämpfe nicht verwickelt, sie stehen außen.

Die Reichen in "Parasite" sind neureich, die Frau ist sehr unsicher, sie verwischt die Grenzen zu den Angestellten, weil sie sich einsam fühlt.

Das sagt etwas über ihr sehr ambivalentes Eheleben aus. Ihr Mann ist der Chef eines IT-Unternehmens, er hat Geschmack und gute Umgangsformen. Aber tief innen ist er ein Patriarch und Macho, er steht über seiner Frau. Die Ehefrau macht sich ständig Sorgen, weil sie auf keinen Fall seinen Unmut und Ärger erregen will.

Ihre Bilder sind von großer Schönheit. Wollen Sie schöne Bilder herstellen, brauchen Sie sie, gerade weil die Geschichte von unwürdigen Zuständen erzählt, die viele nicht sehen wollen?

In meiner Definition ist Film ein Spiel zwischen Licht, Schatten und Sound. Mit diesen drei Elementen kann man auch eine Geschichte über Leute erzählen, die sonst nicht sichtbar sind. Im Haus der Reichen ist das Licht besonders auffallend: Durch die riesigen Scheiben sind sie wirklich von der Sonne beschienen. Die Umgebungsgeräusche sind bei den Reichen kaum oder gar nicht zu hören. Der Straßenlärm gehört nicht zu ihnen, sondern zu den Armen. Ich glaube, das Medium Film ist genau richtig für dieses Thema.

Ihr Film spielt fast ausschließlich in Innenräumen. Sei es die Kellerwohnung der Armen oder das lichtdurchflutete, durchdesignte Architektenhaus der Reichen. Sind das Originalschauplätze?

Nein, wir hatten zwar Vorbilder dafür, aber es wurde alles von unseren Szenenbildnern gebaut. Es stimmt: 90 Prozent der Geschichte findet in Häusern statt, vom Keller bis zum ersten Stock. Und diese unterschiedlichen Ebenen sind durch Treppen miteinander verbunden. Eigentlich haben wir einen Treppenhaus-Film gemacht. Treppen sind allerdings ein geläufiges Motiv im koreanischen Kino, da gab es einige Inspirationen durch andere Filme.

Sind waren einmal Mitglied der sozialistischen Partei Südkoreas, warum sind Sie ausgetreten? Ich bin ausgetreten, weil sie sich gespalten hat. Sie haben die Zeit nach der Diktatur in Ihrem Land behandelt, jetzt zeigen Sie die dunkle Seite des Wirtschaftsaufschwungs. Denken Sie, dass Sie mit Ihren Filmen, die sehr erfolgreich sind, beim Publikum etwas auslösen?

Ein Film kann die Welt nicht verändern, und ich drehe auch keine Filme mit der Absicht, dies zu tun. Ich drehe Filme auch aus Freude an der Schönheit. Und es geht mir um den Menschen. Wenn man als Filmemacher das Leben von Menschen darstellt, ist das immer auch ein politischer Akt.

Das Spiel im Spiel ist ein zentrales Element in Ihrem Film. Die arme Familie spielt ständig Rollen. Das ist oft sehr komisch, weil man als Zuschauer ja weiß, was gespielt wird, die getäuschte Figur aber nicht.

Wenn ich einen Film gedreht habe, kann ich mich oft nicht mehr daran erinnern, woher die Idee für eine bestimmte Szene kam. Wenn ich nach Hause komme, sehe ich einen Fleck auf meinem Hemd und weiß nicht, wo er herkommt, ich weiß nur, dass er irgendwie zu mir gehört. Und so ist das auch mit meinen Ideen. Sie sind wie Flecken, die zufällig auf meinen Klamotten gelandet sind.