Curt Prank (Misel Maticevic) feiert sich selbst vor der Blaskapelle in seiner Bierburg auf dem Münchener Oktoberfest.
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BerlinWenn das Oktoberfest in diesem Jahr schon ausfallen muss, so soll es wenigstens im Fernsehen gefeiert werden. Wer nun aber erwartet oder befürchtet hatte, die ARD würde das historische Münchener Volksfest als traditionell-gemütliche blau-weiße Folklore mit Trachten und Blasmusik vorführen, der wird sich umgucken. Im „Oktoberfest 1900“ geht es so heftig zur Sache, dass die Wiesn-Wirte schon vor Ausstrahlung gegen den Sechsteiler protestierten.

„Oktoberfest 1900“ sucht seine Referenzen nicht im Fernsehen der 80er-Jahre, sondern im Kino und in aktuellen Historienserien wie „Babylon Berlin“ oder „Freud“. Regisseur Hannu Salonen benennt Scorseses „Gangs Of New York“ als Vorbild und inszeniert den Sechsteiler wie einen Western, bei dem mit aller Gewalt um Claims auf der Goldgrube Wiesn gekämpft wird.

Die Story erzählt von einem Emporkömmling, der von Berlin über Nürnberg nach München kommt und hier mit einem riesigen elektrisch beleuchteten Festzelt, der „Bierburg“, das Fest revolutionieren will. Natürlich stößt dieser Curt Prank (Mišel Matičević) auf erbitterten Widerstand. So will das alteingesessene Brauereipaar Hoflinger (Martina Gedeck und Francis Fulton-Smith) seinen Budenplatz nicht räumen. Der intrigante Chef des Brauerei-Kartells (Maximilian Brückner) setzt durch, dass nur Münchener Bier ausgeschenkt werden darf – damit sitzt der Nürnberger Großbrauer Prank schnell auf dem Trockenen.

In den Kulissen der Westernstadt auf der Wiesn entspinnt sich ein Familienduell zwischen Prank und den Hoflingers, das in einer geradezu obszönen Parallelmontage kulminiert: Während ein finsterer Killer (Martin Feifel) im Auftrag Pranks den Hoflinger-Chef umbringt und dessen Kopf den „Kannibalen“ aus der Südsee unterschiebt, die hier in einer „Völkerschau“ ausgestellt werden, treibt es der Hoflinger-Sohn Roman (Klaus Steinbacher) mit Pranks Tochter (Mercedes Müller) und schwängert sie prompt. Bier, Sperma und Blut sind überhaupt die wichtigsten Zutaten dieses Dramas – selbst das Bier spritzt hier blutrot.

Hannu Salonen darf sich mit seinem offenbar üppigen Budget austoben, reizt seine Mittel bis an die Grenzen aus. Die Kamera von Felix Kramer tanzt mal durch die vollen Bierzelte und fliegt gern mit der Drohne in die Höhe. Viele Szenen liegen in einer Düsternis, in der die Figuren effektvoll, wie von Fackeln, beleuchtet werden. Orgiastisch ausgemalt werden so auch die Szenen aus der Schwabinger Boheme. Recht eklektisch wild wirkt die Musikauswahl, die vom grantigen Titelsong „Wos übrig bleibt“ und Leonard Cohens „You Want It Darker“ über Sauflieder à la „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ bis zu Richard-Wagner-Klängen reicht.

Schauspielerisch kommt es weniger auf Feinheiten, sondern auf Kraft und Körperlichkeit an. Mišel Matičević entwickelt als brutal-sentimentaler Held eine enorme Präsenz, Martina Gedeck verkörpert eine Gegenspielerin, deren Härte direkt in den Wahnsinn führt – auch Holzschnitte bekommen hier einen ganz eigenen Reiz. Mercedes Müller als Pranks Tochter Clara darf sich immerhin zur selbstbewussten Miteignerin entwickeln. Den weitaus größten Spielraum aber bekommt Brigitte Hobmeier als Colina Candl: erst falsche Anstandsdame für Clara, dann singendes Biermadl und laszives Malermodell, zwischendurch gedemütigte Gattin und liebevolle Mutter, schließlich Anführerin eines Streiks der Kellnerinnen, die nicht länger nur vom Trinkgeld leben wollen.

Mag die ARD-typische Beteuerung, die Film basiere auf einer wahren Geschichte, angesichts der grotesken Gewaltorgie auch ein Schmarrn sein – verbürgt ist eigentlich nur, dass ein Nürnberger Brauer das erste große Bierzelt errichtete –, so ist „Oktoberfest 1900“ doch ein ungemein unterhaltsamer, abwechslungsreicher Spaß, der auch international goutiert werden wird. Während der Sechsteiler noch bis zum Jahresende in der ARD-Mediathek abgerufen werden kann, läuft er ab Oktober auch schon auf Netflix, mit ARD-Arbeitstitel als Untertitel: „Beer and Blood“, Bier und Blut.

Oktoberfest 1900: 15., 16., 23. 9., jeweils eine Doppelfolge um 20.15 in der ARD. Begleit-Doku 15. 9., 21.45