Studenten in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist eine von 81 öffentlichen Bibliotheken in der Hauptstadt.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinSind Bibliotheken in Zeiten von Internet und Smartphones überflüssig? Wer beim Deutschen Bibliotheksverband nachfragt, bekommt eine eindeutige Antwort: Die Zahl der Besuche steigt, Bibliotheken sind nach wie vor beliebt. „Das hängt damit zusammen, dass sie Orte sind, an denen man sich trifft, zusammenarbeitet, kommuniziert und relativ niedrigschwellig Zugang findet“, sagte der Bundesvorsitzende Andreas Degkwitz. „Man ist frei von jedem Kommerz, kann sich austauschen und sich in angenehmer Atmosphäre aufhalten.“

Letzter Zufluchtsort vor der Einsamkeit

Laut den jüngsten Erhebungen des Verbands ist die Zahl der Bibliothekenbesuche in Deutschland 2018 auf 220 Millionen leicht gestiegen. 2017 waren es 218 Millionen Besuche. Rund 340 Millionen Bücher, Filme und Musiktitel wurden 2018 ausgeliehen. Belletristik wird laut Degkwitz im Regelfall gerne in gedruckten Büchern gelesen. Fachbücher oder Reiseführer gibt es demnach oft digital. In den Kommunen und Städten gebe es Orte wie Büchereien immer weniger, so Degkwitz. „Ich hatte neulich mal ein Gespräch mit einer Bekannten, die sagte mir: In unserem Vorort sind inzwischen die Banken durch Geldautomaten ersetzt worden. Es gibt einen Supermarkt, alle kleinen Geschäfte sind weg. Was noch geblieben ist, ist die Bibliothek.

Lesen in Zahlen

81 selbstständige Bibliotheken gab es laut offizieller Statistik 2018 in Berlin.
414 000 Berlinerinnen und Berliner hatten im Jahr 2018 einen Leseausweis.
7,5 Millionen Medien – also Bücher, Zeitschriften und CD – zählte der Gesamtbestand.

Das ist nun eigentlich der einzige öffentliche Ort, wo man noch hingehen kann, um jemanden zu treffen.“ Eine  Beschreibung, die weniger auf Berlin, aber doch gewiss  auf etliche Orte in Brandenburg zutrifft. Degkwitz hat dabei die alternde Gesellschaft im Blick. „Diese Einsamkeit, die sich im Alter einstellt, ist erschreckend.“ Eine Bibliothek sei eine unkomplizierte Möglichkeit, einen Platz zu bekommen, zu lesen, sich zu unterhalten und zu schauen, was rundherum passiert. „Das fehlt vielen Menschen“, sagte Degkwitz (63), der Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin ist. Sie ist eine der 81 öffentlichen Bibliotheken in der Hauptstadt.

Auch Zweckentfremdung ist häufig ein Ärgernis

Diese wurden im vergangenen Jahr  9,5 Millionen Mal besucht. Mehr als 23,6 Millionen Bücher, Zeitschriften und CD s wurden ausgeliegen. In Bibliotheken spiegelt sich auch die Gesellschaft, etwa, wenn sich dort Obdachlose aufhalten. „Was meine Bibliothek betrifft, versucht man, so großzügig wie möglich zu sein“, sagt Degkwitz. „Aber wenn es dann so ist, dass Menschen alkoholisiert in die Bibliothek kommen, und sich dort irgendwo hinlegen und schlafen, dann haben wir laut Hausordnung die Möglichkeit, sie des Hauses zu verweisen oder zu wecken.

Wir wollen als Bibliothek nicht die Wärmestube der Stadt sein.“ Gerade jetzt in der beginnenden Winterzeit sei das immer wieder ein Thema, so der Berliner Uni-Bibliothekschef. „Wir sind in unmittelbarer Nähe der S-Bahn-Brücken. Wir haben da schon viel erlebt. Das fängt an mit Geruchsentwicklung und geht bis zu Pöbeleien und manch anderem. Das ist leider ein unerfreuliches, aber auch schwierig zu lösendes Thema: Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, als würden wir ständig die Polizei holen.“

Versuch der Einflussnahme

In Bibliotheken ist auch gesellschaftliche Unruhe zu spüren. „Es gibt von links wie von rechts Versuche, Buchbestände oder Veranstaltungen von Bibliotheken im jeweils politischen Sinne zu beeinflussen“, sagte Degkwitz. Die Bibliothekare und Bibliothekarinnen bemühten sich sehr um ausgewogene Bestände und Veranstaltungen. Doch dies werde durchaus kritisiert. „Das bewegt sich zwar im einstelligen Prozentbereich. Aber dass es überhaupt dazu kommt, das ist für uns schon etwas Neues, dem wir selbstverständlich entgegenwirken. Dafür brauchen wir aber auch politische Unterstützung.“