Die Berlin Bar in Melbourne: Ein Abend mit John F. Kennedy in Ost-Berlin

Kommunismus und Kapitalismus: Das ist das Motto der Berlin Bar in Melbourne. Das Lokal ist geteilt in Ost und West, allerdings ohne Mauer und Todesstreifen.

Eine Szene aus „Goodbye Lenin“ mit Florian Lukas (r.) - auch dieser Film läuft in der Berlin Bar in Melbourne
Eine Szene aus „Goodbye Lenin“ mit Florian Lukas (r.) - auch dieser Film läuft in der Berlin Bar in Melbourneimago/EntertainmentPictures

Der Weg ins geteilte Berlin führt durch Chinatown, draußen am Haus leuchtet schon der Bär. Heimatgefühle. Durch einen dunklen Flur geht’s rauf in den zweiten Stock. Man muss klingeln, so wie früher, wenn man Einlass in eine Schwulenbar begehrte.

Die Berlin Bar ist einer dieser Läden, in dem man platziert wird. Die Kellnerin führt mich in den Osten der Stadt. Im Westen sei kein Platz mehr, sagt sie. Als ich erzähle, dass ich aus Berlin komme, freut sie sich aufrichtig. „Super“, sagt sie, wie um zu beweisen, dass sie auch ein bisschen Deutsch kann.

Von meinem Platz an der Bar schaue ich auf zwei identische Wandteller mit dem Konterfei eines deutschen Schäferhundes und eine alte Schirmmütze, wie sie einst bei der Volkspolizei getragen wurde. Die Decke ist mit grünem Tarnnetz abgehängt.

Berliner Bier gibt es hier nicht, die Hopfenspezialitäten kommen aus Bayern und Hessen. Lieber einen der Cocktails probieren, mit Namen von berühmten Helden der Raumfahrt aus West und Ost: Buzz Aldrin, Juri Gagarin oder Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum anno 1963. Ich, ganz Berliner, entscheide mich für einen John F. Kennedy. Die Hauptzutaten, neben Vanille und etwas Chili, sind Plantation Rum und Wild Turkey, kurz: ein Drink, stark genug, um Mauern einstürzen zu lassen.

Es ist Freitagabend, draußen scheint noch die Sonne, in der Berlin Bar ist es dunkel und angenehm schummrig. An der Wand hängt eine Collage mit Fotos von Erich Honecker und Willy Brandt, vom Checkpoint Charlie und dem Brandenburger Tor. Darunter eine kleine Bibliothek abgegriffener Bücher, grau wie die DDR. Im Hintergrund läuft Musik von Queen und Fleetwood Mac.

Junge Frauen lassen sich manchmal neben dem jungen Stalin fotografieren

Zwei Armlängen entfernt sitzt eine Fünfergruppe junger Leute, die sich lautstark unterhalten, unter einem etwa einen Meter mal einen Meter großen Ölgemälde von Stalin. Auf einem doppelt so breiten Flatscreen (1:0 für den Kapitalismus!) läuft tonlos „Dr. Strangelove“ von Stanley Kubrick, aber auch Filme wie „Goodbye Lenin“ und „Das Leben der anderen“ sowie die fabelhafte Serie „Deutschland 83“ haben sie hier im Repertoire.

Eröffnet wurde die Bar vor 13 Jahren von Rene de La Soyo, Sohn eines ostdeutschen Vaters und einer kroatischen Mutter, im vergangenen Jahr starb er. Heute managt Aerton Nolan die Bar, er wurde drei Jahre nach dem Mauerfall geboren.

Je jünger die Gäste, umso eher mögen sie die kommunistische Bar-Seite, meint er, nicht ohne eine gewisse Sympathie. Das sage viel aus über das aktuelle politische Klima, in dem junge Menschen heranwachsen. Junge Frauen lassen sich manchmal neben dem jungen Stalin fotografieren und schwärmen, wie attraktiv er in jungen Jahren war.

Ältere Gäste betrachten den Osten eher mit Abscheu und Angst

Gegenüber grüßt Lenin, in stolzer Pose. Beide Herren gemalt von dem Wahl-Melbourner Künstler Kyle KM. Um die Ecke knutschen die ehemaligen Parteichefs Honecker und Breschnew. Ältere Gäste betrachten den Osten eher mit Abscheu und Angst, hat Aerton beobachtet. Das könne aber auch daran liegen, dass man im „Westen“ viel bequemer sitzt. Überhaupt wirkt der kapitalistische Barteil gediegener, sotto voce ist beim Tischgespräch angesagt. Musik läuft hier keine, man hört nur das, was „von drüben“ kommt.

Ein letzter Schluck aus meinem Becherchen. John F. Kennedy ist leider viel zu schnell gegangen. Wie im richtigen Leben.