Haben Sie schon von „Call Me By Your Name“ gehört? Seit Monaten rangiert das Liebesdrama auf vielen Jahresbestenlisten und auch im Rennen um einige Oscars könnte sich die Independent-Produktion gut schlagen. Die wenigsten dürften allerdings wissen, dass dieser Film, der am 1. März in die deutschen Kinos kommt, seine internationale Premiere vor einem Jahr auf der Berlinale gefeiert hat. Zu kurzlebig sind einerseits die Zyklen der Aufmerksamkeit in den Medien. Und zu wenig Beachtung finden andererseits die vielen herausragenden Filme, die bei der Berlinale in den Nebenreihen laufen: „Call Me By Your Name“ startete nicht im Wettbewerb, sondern im Panorama.

Diese Sektion, wie die einzelnen Programme bei Filmfestivals genannt werden, hat eine lange Tradition und stellt mit ihrem thematischen Fokus auf sexuelle Identitäten jenseits von Heteros eines der Alleinstellungsmerkmale der Berliner Filmfestspiele dar. Die vielen Reihen wie Generation, Perspektive Deutsches Kino, Forum, Special, Natives, Shorts und so weiter sind alle auf ihre Weise gleichzeitig Pfund des Festivals – und dessen größte Last. Sie machen es für den Berlinale- Fan wie für Fachbesucher sehr schwer, die Höhepunkte des Programms ausfindig zu machen. Vor allem aber geht die mediale Entwicklung an ihnen nicht spurlos vorbei. Denn sie müssen nicht nur untereinander bestehen, sondern im großen Angebot der globalen Bewegtbild-Industrie. Da ist die Berlinale am Ende nur ein kleines Rad im Mediengetriebe.

Heute stiften am ehesten Serien Gemeinschaft

Bei all den Unkenrufen, die es in letzter Zeit wieder gab, wird tatsächlich schnell vergessen, dass das größte deutsche Filmfestival von allen Seiten gleichermaßen gefordert und herbeigesehnt wird. Ob es ein Filmemacher wie der ewige Rebell Klaus Lemke ist, der vor ein paar Jahren noch am Potsdamer Platz seinen nackten Hintern zeigte, um sein Missfallen zu äußern, dass sein Film mal wieder nicht eingeladen wurde, oder die immer zahlreicheren internationalen Gäste, die vor allem für den Filmmarkt anreisen – für die meisten von ihnen wirkt die Berlinale nach wie vor wie ein Magnet. Viele zieht sie an, manchen stößt sie ab, es kommt darauf an, mit welchen Erwartungen man sich ihr nähert. Relevanz hat das Februar-Ereignis für jeden, der das Kino liebt.

Während bisher die Losung gewesen sein mag, für die meisten der widerstrebenden Interessen etwas zu bieten – Stars bei der Gala im Berlinale-Palast, Experimentelles im Forum Expanded (noch eine Sektion!), politische Botschaften in der Pressekonferenz –, stellt sich für die Zukunft immer dringender die Frage, ob damit dem Kino als Kunstform geholfen ist. Gerade in Zeiten, in denen TV-Serien immer öfter gesellschaftliche Funktionen des klassischen Films übernehmen: Sie werden bejubelt oder verdammt, von Kritik und Publikum breit rezipiert und diskutiert. Serien sind heute die Kulturprodukte, die am ehesten Gemeinschaft stiften. Die Berlinale hat die Zeichen früh erkannt und widmet Serien eine große Bühne im Zoopalast. Aber was kann ein Filmfestival tun, um die Aufmerksamkeit des Publikums zumindest für kurze Zeit in Richtung des Kinos zu lenken?

Ein Teufelskreis, der alle Festival-Sektionen erreicht

Vielleicht ist die Funktion des Festivals ja gar nicht so sehr zu intervenieren, sondern eher zu repräsentieren, im Sinne eines großen Supermarkts, der alles anbietet, was die Hersteller so liefern. Das Problem dabei: So ist die Berlinale immer stärker segmentiert, in Nischen aufgeteilt, die jeweils kaum miteinander kommunizieren. Dasselbe gilt für die Wahrnehmung von außen. Während die Ränder immer stärker werden, wirkt das einstige Zentrum, der Wettbewerb, wie entkernt.

Schwindet die Konzentration darauf, so ist auch dessen Wirkung immer geringer. Ein Teufelskreis hat längst eingesetzt, der von der Hauptreihe ausgehend alle Sektionen des Festivals erreicht. Ist die Aufmerksamkeit erst einmal zerfasert, schwächt es die Teile mehr als das Ganze.

Was das heißt, ist denkbar einfach: All die tollen Filme, von denen Kritiker schwärmen und die dann mit Goldenen und Silbernen Bären ausgezeichnet werden, all die queeren Perspektiven im Panorama, die Filme für Jugendliche in der Generation, die Werke des deutschen Nachwuchses und der international anerkannten Macherinnen, und natürlich auch die verschmähten, die mit großen Verrissen gewürdigten Flops, die sich vielleicht im Nachhinein als viel besser entpuppen, ja, all diese Filme werden als Folge der Diversifizierung von immer weniger Leuten gesehen. Das fängt schon während des Festivals an – und setzt sich im Anschluss fort.

Man sollte mehr Highlights zeigen

Es ist daher an der Zeit, die Weichen zu stellen und endlich aufzuhören, das Publikum und die Fachwelt gegeneinander zu positionieren. Wer es ernst meint mit der Forderung, dass die Berlinale ein Festival für die Berliner ist, vor allem für all jene, die sich von der Kinoeuphorie saisonal anstecken lassen, der sollte dann auch weite Teile des Programms danach ausrichten. Es ist schnell und populistisch gesagt, dass viele verfügbare Tickets darauf schließen lassen, dass die Berlinale ein Publikumsfestival ist. Aber warum zeigt das Festival dann nicht die besten Filme, sondern lieber die neuesten?

Das kanadische Toronto, das Berlin immer wieder den ersten Rang unter den publikumsstärksten Filmfestivals streitig gemacht hat, setzt zum Beispiel konsequent darauf, sowohl Neues für die Insider als auch Highlights für alle anderen zu präsentieren. Das könnte auch in der deutschen Hauptstadt ein probates Mittel sein, schließlich ist es der Berlinerin herzlich egal, ob die Filme schon einmal in Tokio, Venedig oder Locarno zu sehen waren. Es wäre ein Anfang, um die ohnehin starke Zersplitterung von Festivals und Kinomarkt nicht noch weiter voranzutreiben.

Die allgemeine mediale Auffächerung, die durch die Verbreitung von Smartphones und Streaming-Angeboten einen riesigen Schub bekommen hat, lässt sich an den Sehgewohnheiten des Publikums, sowohl der Filmbranche als auch der Laien ablesen. Mehr Möglichkeiten führen nicht zu intensiverem Sehen. Im Gegenteil – die Blicke werden flüchtiger. Darauf muss ein großes Ereignis wie die Berlinale Antworten finden, etwa, indem es sich nicht nach allen Seiten hin absichert, sondern auch mal furchtlos auf Provokationen setzt und die eingespielten Routinen der verschiedenen Nischen im eigenen Programm sprengt. Ein Film zum Diesel-Skandal als besonderes Schmankerl und vorneweg Audi als Hauptsponsor, das wäre doch mal was.

Frédéric Jaeger ist geschäftsführender Vorstand des Verbands der deutschen Filmkritik und Chefredakteur des Online-Magazins critic.de . Er gehört zu den Initiatoren der Woche der Kritik, die vom 14. bis 22. Februar parallel zur Berlinale stattfindet.