Die Berlinale
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BerlinAlles anders, vieles neu: Seit dem Frühsommer teilen sich Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin die Leitung der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Die Doppelspitze übernahm die Berlinale von Dieter Kosslick, der das Festival 18 Jahre geleitet hat. Chatrian und Rissenbeek konnten mit Wohlwollen und etwas Rückenwind antreten, denn dass die Berlinale Erneuerung und frische Ideen braucht, ist schon länger unstrittig. Kosslick, zu gleichen Teilen charmanter Entertainer wie Autokrat, hatte die Berlinale in den Nuller-Jahren ausgebaut, groß gemacht, für Prominente, Show und viel Beifall und bald eigentlich jedes Jahr neue Erfolgsmeldungen gesorgt. Aber seit ein paar Jahren wurde der filmische Glanz matter, das Star-Geglitzer kleiner, der Berlinale-Chef wirkte immer öfter müde. Weiter wie bisher, mehr Kosslick-Berlinale war zuletzt keine Option mehr.

Und tatsächlich haben die Neuen als erstes viel Kosslick’schen Wildwuchs zurechtgestutzt; „Kulinarisches Kino“ und „NATIVe“ wurden bereits gestrichen. Dafür wird es neben dem traditionell als „zu kommerziell und gefällig“ gescholtenen Wettbewerb und die Kurzfilm-Bären der „Berlinale Shorts“ eine neue Wettbewerbssektion geben: „Encounters“ soll „ästhetisch und formal ungewöhnliche Werke von unabhängigen Filmemacher*innen fördern“ und eine dreiköpfige Jury Preise für den besten Film und die beste Regie der Sektion sowie einen Spezialpreis verleihen. Das klingt so vielversprechend wie einige personelle Veränderungen, besonders die Ernennung der Berliner Kritikerin Cristina Nord zur Leiterin des Internationalen Forums des jungen Films. Einen anderen Tonfall und vielleicht einen Generationenwechsel versprechen Chatrian und Rissenbeek bisher: Ihre erste Berlinale im kommenden Februar wird auch die 70. überhaupt sein, das Jubiläum soll auch ein Aufbruch werden.

„Es gab keinen Ausstieg von Sponsoren“

Doch es gibt Probleme. Anfang vergangener Woche hatte das Berliner Boulevardblatt „B.Z.“ ein paar unerfreuliche Fakten zusammengetragen, wenigstens oberflächlich betrachtet großes Krisen-Kino. Die knalligste Meldung war die am wenigsten bedeutsame: Dass der Club im Untergeschoß des Musical-Theaters am Potsdamer Platz ab Januar Spielort für Channing Tatums Männer-Strip-Show „Magic Mike Live“ ist und damit als Veranstaltungsort für die Berlinale-Gala ausfällt. Tatsächlich haben sich Stripper und Festivalleitung bereits verständigt, während der Berlinale wird sich dort niemand ausziehen, jedenfalls nicht mit Choreo und Spotlight.

Auch dass 2020 zwei langjährige Haupt-Sponsoren der Filmfestspiele - der Uhrenhersteller Glashütte Original und die chinesische Schmuckfirma Tesiro – fehlen werden und eine nicht unerhebliche Finanzierungslücke hinterlassen, klingt dramatischer als es wohl ist. „Es gab keinen Ausstieg von Sponsoren, sondern das reguläre Ende von Verträgen,“ erklärt Mariette Rissenbeek auf Anfrage. „Auch in der Vergangenheit sind Verträge mit Sponsoren ausgelaufen und es wurden neue Partner gewonnen. Aktuell gibt es gute Gespräche mit neuen Interessenten und mit bestehenden langjährigen Partnern sprechen wir schon über Vertragsverlängerungen über 2020 hinaus.“ Und auch einen dotierten, bislang von Glashütte gesponserten Dokumentarfilmpreis soll es weiterhin geben.

Das Cinestar im Sony-Center schließt zum 31. Dezember

Am bedrohlichsten für die Berlinale ist etwas anderes - die Medienwende und die Gentrifizierung dringen auch in die behütete, glitzernde Fest- und Festival-Welt ein. Denn zum 31. Dezember wird das CineStar Original und das dazugehörige IMAX-Kino im Sony Center nun doch endgültig geschlossen. Der 20-jährige Mietvertrag läuft dann für das Kino aus und wird nicht mehr verlängert. „Bis Mitte Januar werden das CineStar-eigene Inventar und die Projektionstechnik ausgebaut,“ hält CineStar-Geschäftsführer Oliver Fock nüchtern fest. „Anschließend werden die Mietflächen an den Vermieter zurückgegeben.“

Die Lücke, die diese Schließung in der Berliner Kino-Landschaft reißt, ist groß: Nirgendwo in der Stadt kann man derart gebündelt Filme in der Originalfassung sehen. Laut Fock sollen künftig andere CineStar-Häuser verstärkt Kino im O-Ton zeigen. Gerüchteweise sollen aus den Sony Center-Kinos im Keller Wohnungen und Büros werden.

Der Berlinale fehlen damit auf einen Schlag acht Kinosäle mit zusammen etwa 2400 Plätzen. Die Schließung sei aber keine Überraschung für das Filmfestival gewesen, meint Mariette Rissenbeek. „Zur Kompensation der fehlenden Kinosäle haben wir verschiedene Optionen durchgespielt,“ erklärt sie. „Das alternative Szenario, das wir nun entwickelt haben, werden wir sobald die gesamte Kinobelegung für die Berlinale 2020 planerisch und vertraglich abgeschlossen ist, bekannt geben.“

Wohin kann die Berlinale noch ausweichen?

Das klingt gut. Doch mit dem Wegfall des CineStars kommt der Gigant Berlinale ins Wanken: Schon Kosslick-Vorgänger Moritz de Hadeln (1979-2001) hatte mit einem geografisch zergliederten Festival gerungen - in einigen Jahre gab es sogar Shuttle-Busse zwischen den Spielorten - erst der Potsdamer Platz konnte alles oder vieles an einem Ort bündeln. Aber wie sicher sind die verbleibenden Spielstätten, das CinemaxX oder das ab Herbst nächsten Jahres vom Cirque du Soleil bespielte Musical-Theater? Wohin kann die Berlinale überhaupt noch ausweichen?

In der alten Berlinale-Heimat City-West hatte das Kinosterben einst angefangen, nicht nur dort haben Mietendruck und Modekettenkonkurrenz Filmtheater umfassend abgeräumt, selbst Szene- und Indie-Kinos gehen das Publikum und die Luft aus. Für die Filmfestspiele ist der Ausblick so oder so wenig rosig. Zum Jubiläum werden Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeck zweifellos eine Lösung finden, doch ihre größte Herausforderung wird genauso zweifellos darin bestehen, die Berlinale als kulturelle Großveranstaltung und als Kino-Erfahrung überhaupt am Leben und am Laufen zu halten.

Anmerkung der Redaktion:  In einer vorherigen Version des Artikels wird die CinemaxX-Gruppe seit einem Jahr als Besitzer von Cinestar bezeichnet. Das stimmt so nicht.