Kein roter Teppich in diesem Jahr.
Foto: Studio Hans Lucas

BerlinTraditionell stünde jetzt an dieser Stelle ein Text über die Filmfestspiele von Cannes, begleitet wohl von einem hübschen Foto prominenter Filmschaffender auf dem Roten Teppich an der Côte d’Azur. Doch die ursprünglich für Dienstag geplante glamouröse Eröffnung muss entfallen so wie das gesamte Festival. In Frankreich bleiben Großveranstaltungen bis September verboten, aus hygienischer Perspektive ist ein Filmfestival – zu gleichen Teilen Messe  wie Massenveranstaltung mit zahllosen Gästen aus aller Welt– ein potenzieller Seuchenherd.

Zwar hat Cannes-Leiter Thierry Fremaux sein Festival noch nicht endgültig abgesagt, aber er hat trotzdem schon Alternativpläne vorgelegt. Einige bereits ausgewählte Cannes-Beiträge dieses Jahrgangs sollen bis zum nächsten Frühjahr nicht nur in normalen Kinos, sondern auch bei den Festivalkollegen von Toronto, Deauville, New York, Busan und anderen unter dem Label „Cannes 2020“ gezeigt werden, in Venedig eventuell in einer gemeinschaftlichen Untersektion. Die internationalen Filmfestivals, die sonst regelrecht erbittert um Filme und Filmemacher konkurrieren, rücken in der Krise zusammen.

Nach dem Festival ist vor dem Festival

Cannes und viele andere Festivals gehen dabei neue, für leidenschaftliche Verteidiger des soziokulturellen Kinoerlebnisses wie Thierry Fremaux reichlich ungewohnte Wege. Bei dem von YouTube und der Produzentin und Tribeca-Festivalleiterin Jane Rosenthal organisierten Projekt „We are One – A Global Film Festival“ werden vom 29. Mai bis zum 7. Juni verschiedene Festivals Filme, Dokus und Podiumsgespräche vorstellen, ein kostenloses „Festival der Festivals“ nebst Spendenaufruf für Covid-19-Hilfsmaßnahmen der WHO und regionaler Organisationen. Cannes wird vertreten sein und viele andere, von Sundance über Sydney bis Locarno. Die Berlinale ist auch dabei.

„Jane Rosenthal und (Tribeca-Mitgründer) Robert DeNiro kamen mit einer schriftlichen Anfrage auf uns zu", sagt Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter der Berliner Filmfestspiele. „Von Beginn an stand fest, dass ‚We are One‘ nicht als Ersatzveranstaltung für Filme dienen soll, die nicht im Kino gezeigt werden können. Ziel ist es, Solidarität unter den Filmfestivals zu zeigen und das Publikum auf die Krise aufmerksam zu machen, welche die Kinobranche durch das Virus erlebt.“

Jedes der beteiligten Festivals kann laut Chatrian bei „We are One“ sein eigenes Programm zusammenstellen. „Im Gespräch mit Kolleg*innen, vor allem aus Venedig und Cannes, haben wir diskutiert, wie wir uns an diesem Projekt beteiligen können, obwohl wir alle das Kinoerlebnis bevorzugen“, erklärt er. „Wir entschieden, keine neuen Filme zu zeigen, sondern unseren Fokus auf Aktivitäten zu legen, die einen bestimmten Aspekt des jeweiligen Festivals herausstellen, der vielleicht weniger bekannt, aber nicht minder bedeutend für jedes Festival ist.“

Die „We are One“-Organisatoren hätten „so viele Filmfestivals wie möglich dabeihaben“ wollen, meint er. „Daraus ergibt sich ein begrenztes Zeitfenster für die einzelnen Filmfestivals – womit wir völlig einverstanden sind.“ Und er ergänzt: „Das Programm, das wir beisteuern, ist kein Auszug der (letzten) Berlinale, sondern eine Kostprobe, die sich thematisch auf Tradition und Übermittlung fokussiert. Zwei Konzepte, die uns in Zeiten des überwältigenden Online-Angebots, das Covid-19 hervorgebracht hat, etwas vernachlässigt zu sein schienen.“

Die Berlinale war Corona im Februar nur knapp entgangen: Zur Festival-Eröffnung war das Virus bereits in Europa nachgewiesen worden und hatte erste Todesopfer gefordert. Kurz nach dem Berlinale-Abschluss am 1. März folgten Infektionsschutz-Maßnahmen und Veranstaltungsverbote. Doch nach dem Festival ist immer auch vor dem Festival, ruhende Produktionen und eingeschränkte Sichtungsmöglichkeiten werfen schon jetzt einen Schatten auf die  Berlinale 2021.

„Mit neun Monaten im Voraus haben wir Zeit, zu verfolgen, was andere Festivals planen und umsetzen und wie sich die Richtlinien für Veranstaltungen, das Kino und die Filmproduktion nach dem Lockdown entwickeln werden“, sagt Chatrians Kollegin, die Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek. „Im Moment sammeln wir Informationen und arbeiten bereits an verschiedenen Szenarien. Einige Entscheidungen müssen im Voraus getroffen werden, und wir möchten nicht unvorbereitet sein. Allerdings wäre es unprofessionell, bereits Prognosen zu erstellen.“

Das Filmfestival Toronto hat angekündigt, Teile seines diesjährigen Programms ins Internet zu verlagern. Könnte das auch für die Berlinale eine Option sein? „Wir prüfen alle Optionen,“ so Rissenbeek. „Aber wir sehen unsere Aufgabe weiterhin darin, das kollektive Kinoerlebnis zu unterstützen und zu fördern.“